BOAG - Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung
Geschichte der Bochumer Arbeitsgruppe
Die «Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung» wurde im Oktober 1986 von einigen wissenschaftlichen MitarbeiterInnen und etlichen Studierenden der Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum gegründet. Anlaß der Gründung war die Enttäuschung über die in Bochum (und anderswo) betriebene und vermittelte Wissenschaft Psychologie: Viel Statistik und wenig Sinn (frei nach Musils «Die Schwärmer»). In einem wunderbar ungestümen Gründungsaufruf wurde das Ende der traditionellen experimentell-empirischen Psychologie beschworen und dazu eingeladen, sich an der Suche nach neuen Wegen für die Wissenschaft Psychologie zu beteiligen. Nun, die damaligen Reaktionen der Kolleginnen lassen sich auch heute noch leicht erahnen.

Eine ziemliche Rolle bei der Gründung der Arbeitsgruppe hat ein wissenschaftlicher Mitarbeiter gespielt, der seit dem Ende der 70er Jahre in der Fakultät für Psychologie der Ruhr-Universität Bochum merkwürdige Lehrveranstaltungen zu merkwürdigen Themen anbot. Hier nur wenige Beispiele:
  • 1980: Psychologie: Mehr als Worte? Dadaistische Betrachtung einiger wissenschaftstheoretischer Probleme in der Psychologie.
  • 1984: Der Gesunde Menschenverstand: Ausgewählte Bereiche seines Wirkens.
  • 1985: Wirklichkeitskonstruktionen im Alltag oder: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
  • 1986: Psychologie als Sprachkritik: Zur Analyse des Scheiterns von Erkenntnistheorie und Wissenschaftstheorie in der Psychologie.
  • 1987: Psychologie, Sprachkritik und Sozialer Konstruktivismus.
  • 1988: Zur Sozialen Konstruktion der Person.
  • 1989: Zur Konstruktion von Wirklichkeit und lokaler Moral in kommunalen Systemen.
  • 1990: Grundlinien einer sozial-konstruktivistischen Psychologie
  • 1991: Propaedeuticum et vademecum epistemologicum
  • 1992: Methoden der Kulturphysiognomik
  • 1993: Diskursanalyse
  • 1994: Kalküle diagnostischer Formen
  • 1995: Kulturphysiognomische Spurensicherung: Zur Diagnostik von Diskursen und Ritualen
  • 1996: Person und Kultur
  • 1997: Zur Anatomie des Mythos
  • 1998: Zur Pathologie des Mythos
  • Es ist leicht zu verstehen, daß diese Lehrveranstaltungen über viele Jahre hinweg zum Treffpunkt für alle diejenigen wurden, die die ausgetretenen Pfade der Katheder-Psychologie endlich verlassen wollten. Hier versammelten sich Studierende aus den verschiedensten Fakultäten (Physik, Biologie, Pädagogik, Theaterwissenschaften, Jura, Literaturwissenschaften etc.; vgl. dazu unser Arbeitspapier Nr. 10, Seite 29), um Gewagtes zu denken und um zu zeigen, wie eine «neue» Psychologie in Forschung, Lehre und Praxis aussehen könnte. Und diese «neue» Psychologie sollte vor allen Dingen eines: sich mit dem Leben von Menschen selbst beschäftigen, mit ihren Lebensäußerungen innerhalb kommunaler Systeme also, und nicht mit irgendwelchen erfundenen Scheinbegriffen, die im nachhinein auf die Lebensäußerungen von Menschen gelegt werden. Unser Motto war: Weg vom Psychologismus, hin zur Psychologie!

    Aus der Arbeit in diesen vielen aufregenden Lehrveranstaltungen, aus vielen vielen Gesprächen (Eine Skizze unserer Diskurskultur findet sich in Arbeitspapier Nr. 10, Seite 29), aus der Arbeit an zig Diplomarbeiten zu verwandten Themen und aktuell aus einem Workshop über die «Kritische Psychologie» (im Sinne Holzkamps) entstand etwa Mitte der 80er Jahre ein kleiner Kreis von MitarbeiterInnen und Studierenden, der sich bemühte, einen gangbaren neuen Weg für eine Psychologie als Wissenschaft von den Lebensäußerungen zu finden.

    In diesem Arbeitskreis wurden verschiedene Richtungen und Alternativen besprochen und geprüft. Durch die intensive Beschäftigung mit Sprachkritik, Logik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie entstand im Laufe der Zeit eine inhaltliche Richtung, die sich heute als «Sozialer Konstruktivismus» Bochumer Prägung bezeichnen läßt.

    Und unsere uns damals einenden Grundgedanken gefallen uns auch im Jahr 2000 noch: Die verschiedenen Erscheinungsformen der traditionell-empirischen Psychologie, vom biologistischen Reduktionismus bis hin zum wirtschaftsopportunistischen Vulgär-Psychologismus, führen nicht mehr weiter. Sie sind in einer Sackgasse, da uns deren erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Schwierigkeiten unüberwindlich erscheinen. Die Annahme des kritischen Rationalismus (als nach wie vor populärer wissenschaftstheoretischer Rahmentheorie), daß Theorien durch Empirie falsifiziert werden und wir uns so der objektiven Erkenntnis der Wirklichkeit annähern könnten, erscheint uns einfach unsinnig. Damit ist der akkumulative empirizistische Fragmentarismus für uns gescheitert, weil kein Mensch mit dem permanent produzierten Datenmüll, der aus Karrieregründen in irgendwelchen Zeitschriftenfriedhöfen begraben wird, noch etwas anfangen kann. Was wir inhaltlich dagegen setzen, haben wir oben schon gesagt. Was wir methodisch dagegen setzen, bezeichnen wir als «Wirklichkeitsprüfung» (vgl. dazu das Arbeitspapier Nr. 10). Diese «neue» Vorgehensweise ist schon zigfach in Diplomarbeiten erprobt worden.

    Die Bochumer Arbeitsgruppe war an der Ruhr-Universität Bochum über viele Jahre hinweg eine Organisationsform, die als Aktivitätsforum und Aktionsplattform diente und sich hinter verschiedenste Forschungsbemühungen stellte. Sie regte eine Fülle von Lehrveranstaltungen und Diplomarbeitsthemen an, knüpfte Kontakte zu anderen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen, veranstaltete Symposien und Kongresse und gab und gibt nach wie vor als Kollektiv (d.h. ohne Namensnennung) sogenannte «Arbeitspapiere» heraus.

    Nach der Vertreibung aus der Universität im Jahr 1998 hat die Bochumer Arbeitsgruppe zwei Jahre lang versucht, die regelmäßigen Treffen und die gewohnten Arbeitsformen weiterzuspinnen. Ab dem Oktober 2000 verlagert die Bochumer Arbeitsgruppe nun ihre Aktivitäten komplett ins Internet. Und wir sind überaus glücklich in Dr. Artus P. Feldmann (vgl. die wunderschöne Sammlung von Briefen an die Bochumer Arbeitsgruppe in Arbeitspapier Nr. 12) einen bewährten Mitarbeiter und Freund zu haben, der das Boot der Bochumer Arbeitsgruppe auch weiterhin behutsam durch Stürme und Flauten lenken wird.



    Erstellt: 8. Juli 2000 letzte Überarbeitung: 21. Februar 2002
    Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung.
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