BOAG - Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung
Dramolette des Alltags: «Hinterhof»
von Holger Wyrwa
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Dicht gedrängt stehen die Menschen an der Absperrung vor dem Hinterhof des Rathauses. Hermann und Irene sind ganz vorne. Sie wollten an diesem Tag die ersten sein. Das ist ihnen gelungen. Jetzt ist es ist 8:10 Uhr, und in zwanzig Minuten wird es beginnen. Die Aussicht auf ein paar Schnäppchen haben Hermann und Irene schon früh aufstehen lassen. Sie versuchen zu erkennen, was da wenige Meter vor ihnen auf einem Tisch ausgebreitet wird. Immer wieder werden die beiden von anderen Frühaufstehern, die auch etwas sehen wollen, in den Rücken gestoßen.

«Passen Sie doch auf!» sagt Hermann zu einem Mann in einer alten abgeschabten Lederjacke, als er wieder einen Knuff in seinem Rücken spürt. Er kann nicht verstehen, daß die Leute hinter ihm so ungeduldig sind. Als ob die nicht schon früh genug etwas zu sehen kriegten!

«Kannst Du schon etwas erkennen?» fragt Hermann Irene, stellt sich auf seine Zehenspitzen und reckt den Hals, so weit es eben geht. Er versucht, von oben auf den Tisch zu schauen. Irene seufzt und sagt: «Die haben da irgendwas in kleinen durchsichtigen Plastikfolien. Ich glaube, das sind Brillen. Oder Handys!» «Das ist was für uns», sagt Hermann.

Als eine Mitarbeiterin der Stadtverwaltung zur Absperrung kommt, nimmt die Unruhe in der wartenden Menge schlagartig zu. Hermann und Irene werden weiter nach vorne gedrückt. Das Seil, das als Absperrung dient, spannt sich vor Hermanns Bauch. Die Mitarbeiterin der Stadtverwaltung will das Seil entfernen. Aber es ist so stramm, daß sie es nicht lösen kann. Sie schimpft und herrscht Hermann an, doch bitte ein Stück zurückzugehen. Endlich kann sie den Verschluß an einer Seite lösen, das Seil fällt auf den Boden, die Leute stürmen los.

Hermann und Irene sehen sich an. Zwei Frauen haben sich an ihnen vorbeigedrängt und stehen jetzt vor ihnen dicht vor dem Tisch. Hermann möchte am liebsten etwas Unfreundliches sagen, doch dann sieht er die Sachen: Sonnenbrillen, Handys, Schmuck, verschlossene Motorrad- und Reisetaschen. Neben dem Tisch stehen auch einige Fahrräder. Aber es sind gerade diese verschlossenen Taschen, die Phantasien in Hermanns Kopf anregen und entzünden. Niemand weiß, was sie enthalten. Also ist alles möglich.

Mittlerweile hat sich eine dichte Traube es sind bestimmt an die zweihundert Menschen um den Tisch und die Mitarbeiter der Stadtverwaltung gebildet. Die Versteigerung kann beginnen.

«Fünf Euro!» schreit Hermann sein Gebot hinaus und deutet auf eine durchsichtige Plastikfolie, in der fünf Sonnenbrillen eingeschweißt sind, die kaum zu erkennen sind. «Sechs Euro!» schreit ein anderer. «Sieben!» brüllt Hermann. Irene klammert sich an seinem Arm fest. «Acht!» ruft jemand. «Neun!» Das war Hermann. Und keiner bietet weiter. Hermann reißt der Mitarbeiterin die Plastikfolie fast aus der Hand. Dann bezahlt er.

Die Versteigerung geht weiter. Die Unruhe unter den Menschen nimmt zu. Irene betrachtet, was andere ersteigern. Sie denkt, daß die anderen vielleicht bessere Geschäfte machen als sie und Hermann. Sie fühlt sich für einen Moment betrogen. Dann denkt sie, daß die anderen Leute keine Ahnung haben und nur ganz minderwertige Sachen ersteigern. Das schmeichelt ihr. Trotzdem, sie lehnt die anderen Leute ganz tief ab: «Wie die Tiere!» flüstert sie Hermann ins Ohr. Der nickt abwesend. Er hat sich ein Handy ausgesucht, das er gerne haben würde.

Eine Gruppe von Männer steigert nur zum Spaß mit. Sie treiben die Preise hoch und lachen, wenn andere sie überbieten. Einer macht dumme Männerwitze in der Gegenwart einer Mitarbeiterin, um sie zu beeindrucken. Die zieht nur abfällig eine Augenbraue hoch. Sofort ist der Mann stumm.

Ein Mann, offensichtlich ein Angehöriger einer ethnischen Minderheit in Deutschland, schreit seinen Preis für ein Handy in den Hof. Hundert Euro bietet er. Die Menschen sehen sich belustigt an. Der Mann bahnt sich seinen Weg durch die Menge nach vorne. Seine Brust ziert eine breite Goldkette und an seinen Fingern befinden sich dicke Goldringe. Keiner überbietet ihn. Einige beginnen zu klatschen. Andere fallen ein. Der Mann scheint sichtlich geschmeichelt zu sein. Stolz nimmt er das Handy in Empfang und bezahlt.

Einige Leute haben sich bereits in einen Winkel des Hinterhofes zurückgezogen und öffnen die Verschlüsse der Reise- und Motorradtaschen, die sie gerade ersteigert haben. Auch Hermann besitzt jetzt eine große Motorradtasche. «Was da wohl drin ist», fragt er Irene und stellt sich vor, endlich mal ein wirklich gutes Geschäft gemacht zu haben. Auch Irene hat ganz große Augen bekommen. Sie fummelt an dem Verschluß der Motorradtasche herum. «Jetzt nicht!» sagt Hermann. Er hat Angst bei der Versteigerung etwas zu verpassen und seinen Platz ganz vorne zu verlieren. Er sucht den Tisch nach weiteren Schnäppchen ab.

In der Menschenmenge befinden sich auch Kinder. Einer Mitarbeiterin ist aufgefallen, daß diese immer den kürzeren ziehen. Ständig werden sie von Erwachsenen überboten. «In der nächsten Runde können nur Kinder etwas ersteigern!» ruft die Mitarbeiterin und hält ein Handy hoch in die Luft. «Vier Euro!» sagt ein Zehnjähriger. « Sechs Euro!» schreit Hermann. «Jetzt nur für Kinder!» erinnert ihn die Mitarbeiterin. Das Handy hätte Hermann sehr gefallen. Und dann zu dem Preis. «Es sind doch Kinder!» sagt Irene neben ihm. «Scheiße!» sagt Hermann.

Der Mann, der das Handy für hundert Euro ersteigert hat, taucht wieder auf. Man sieht ihm an, daß er sehr verärgert ist. Er stellt die Mitarbeiterinnen in sehr unfertigem Deutsch lautstark zur Rede und sagt ihnen, daß das Handy nicht funktionieren würde. Er sei beleidigt und betrogen worden. Deswegen will er das Handy zurückgeben und sein Geld zurückhaben. Eine Mitarbeiterin versucht, ihm den Sinn und die Spielregeln einer Versteigerung zu erklären. Und, daß die Handys immer ohne die für einen Betrieb notwendige Karte versteigert würden. Der Mann will davon nichts wissen. «Handy kaputt!» sagt er. «Verarscht worden!»

Einige der Leute, die seinen Auftritt mitbekommen haben, sehen sich vielsagend an. Einige lachen. Der Mann bekommt sein Geld nicht zurück. Schimpfend verläßt er den Hinterhof. Die Männer, die nur zum Spaß mitbieten, sehen sich feixend an. Die Versteigerung geht weiter.

Eine ältere Frau neben Hermann und Irene interessiert sich für Schmuck. Sie sieht eine Kette, die ihr gefällt. Diese könnte ein Imitat sein, im Wert von vielleicht ein paar Euro. Es könnte aber auch eine echte Halskette ein. Mehrere Leute bieten mit. Schließlich kriegt die ältere Frau die Kette für siebzig Euro. Sie steckt sie in ihre Tasche. Sie strahlt.

Hermann und Irene haben nichts mehr entdeckt, was sie noch interessieren könnte. Ihre Beute: Zwei Folien mit jeweils fünf Sonnenbrillen, ein Handy und eine Motorradtasche, die von Irene gehalten und immer wieder neugierig fixiert wird. «Laß uns gehen!» sagt Irene und zupft Hermann an seinem Ärmel. «Nein, laß uns noch ein bißchen bleiben!» sagt Hermann. «Vielleicht bringen die noch was Neues raus!» «Ach, nee!» sagt Irene.

Hermann fragt eine Mitarbeiterin. Die schüttelt den Kopf. Irene nimmt Hermanns Arm und zieht ihn mit sich. Hermann deutet auf einen Winkel im Hinterhof des Rathauses. «Laß uns jetzt nachsehen, was drin ist!» sagt er und nimmt Irene die Motorradtasche aus der Hand.



Erstellt: 12. Januar 2003 letzte Überarbeitung: 12. Januar 2003
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