BOAG - Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung
«Korruption? Och nö!»
von Helmut Hansen
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Ein Ereignis des Tages, eine Top-Meldung, ein Aufmacher, kurz, die jeweilige arme oder reiche Sau, die an einem bestimmten Tag durch das bundesrepublikanische Mediendorf gehetzt und am nächsten Tag bereits vergessen wird, hat uns in der Bochumer Arbeitsgruppe noch nie interessiert. Wir lassen uns von sozialen Strukturen, von der Kulturphysiognomie und den sie fördernden Mythen faszinieren und fesseln. Oder anders: Was in unserer Gesellschaft des Spektakels angeblich geschieht, finden wir nicht so aufregend wie die Bedeutung, die eben diesem Geschehen von den Herren des Wörterbuchs und deren Helfern - bei uns nennt man sie ‹Politiker› - beigemessen wird. Denn was geschieht, was wirklich ist, ist schlicht wurscht. Wichtig und entscheidend ist, wie über das Geschehene gesprochen wird, und genau dies läßt sich beeinflussen. Mit dieser einfachen Masche der Herren des Wörterbuchs und deren Helfershelfern - bei uns nennt man sie ‹Politiker› - läßt sich alles Geschehene und noch zu Geschehende in niemals Geschehenes, und Ungeschehenes in Geschehenes verwandeln.

Spannend aus unserer Sicht sind also die Sprech- und Deutungseigenarten bestimmter sozialer Räume. Und lustig wird es, wenn Sprechfiguren derjenigen, denen die Bundesrepublik gehört und derjenigen, die für die arbeiten, denen die Bundesrepublik gehört - bei uns nennt man sie ‹Politiker› - immer ähnlicher werden. Irgendwann müssen sich die vielen Trainingsstunden in den Fächern Kommunikation und Darstellung ja auszahlen. Und so werden wir heute bereits am frühen Morgen im Radio von routinierten und geschulten Kommunikations-Allzweckwaffen - bei uns nennt man sie ‹Politiker› - belästigt, die uns erklären, welche Bedeutung etwas Geschehenes oder Ungeschehenes haben soll.

So langsam kommen wir zum Thema. Seit einigen Wochen geistert ein Wortgespenst durch die Medien, welches gemeinhin ‹Nebenverdienst von Parlamentariern› genannt wird. Wenden wir gleich an, was wir in den ersten beiden Absätzen gelernt haben: Was soll uns das Wort ‹Nebenverdienst› sagen? Daß es sich in all den Fällen, in denen die Helfershelfer der Herren des Wörterbuchs - bei uns nennt man sie ‹Politiker› - ihren in ihren Augen angemessenen Anteil vom Kuchen einfordern, auf gar keinen Fall um Korruption handelt. Das Wort Korruption ist tabu. Den Fall der Fälle gibt es nicht. Es geht um ‹Nebenverdienste›. Jede Verwendung des Wortes ‹Nebenverdienst› reifiziert eben dieses Wort und vergegenständlicht, daß es keine Korruption geben kann. So einfach geht das. Geradezu mit links, äh, mit rechts.

Sehr lustig ist, wie in unserer Republik die ‹Nebenverdienste› von ‹Politikern› gesetzlich geregelt sind: Jeder ‹Politiker› darf von jedem Dienst- oder Brotherren so viel Geld annehmen, wie er nur möchte, zusätzlich zu seinen Diäten oder Pensionen (das versteht sich von selbst). Ein Bundestagsabgeordneter zum Beispiel muß den Vorgang des Geldannehmens nur dem Präsidenten des Bundestages mitteilen. Und der darf das niemandem weiter erzählen. Da ein Abgeordneter nur seinem Gewissen verantwortlich ist, darf niemand wissen, wer im Gewissen eines Abgeordneten zu Hause ist. Um das noch einmal klar zu machen: In unserer Republik ist es Interessengruppen (sagen wir mal ‹Banken›, ‹Pharmaindustrie› oder ‹Stromversorgern›) erlaubt, ‹Politikern› Geld zu geben, sie also in der Erwartung zu bestechen, daß sie im Fall der Fälle sich für die Interessen des Geldgebers einsetzen werden.

Nur zwei Beispiele:
  • Reden wir von ‹Stromversorgern›, das Geschehen ist hier sehr einfach und übersichtlich. Da die jährlichen Strompreissteigerungen von lokalen politischen Gremien gebilligt werden müssen, ist es naturgemäß ganz praktisch, wenn der ‹Stromversorger› sich die Leute in den jeweiligen Gremien mit kleinen oder größeren Zahlungen so gewogen macht, daß diese sich für den ‹Stromversorger› und dessen Politik einsetzen. So wird die Abkürzung ‹VEW›, ein ehemaliger großer ‹Stromversorger›, seit vielen Jahren von ‹Politikern› mit Recht als ‹Vom Elend Weg› gelesen.
  • Reden wir noch von einer Bank, die stolz drauf ist, eine Bundestagsabgeordnete auf ihrer Lohnliste zu haben, die einzig und allein deswegen ihr Geld wert ist, weil sie ‹in der Nähe› einer Kanzlerkandidatin ist. ‹In der Nähe›! Alles klar?

  • Sehr sehr lustig (die köstliche Steigerungsform ‹sehr sehr› stammt vermutlich aus der Fußballsprache) wird es nun, wenn man irgendeinem ‹Politiker› vorhält, er verfüge über regelmäßige ‹Nebenverdienste›. Was antwortet ein kommunikations-gestählter ‹Politiker› in diesem Fall? Nun, er gibt an, diesen ‹Nebenverdienst› doch ordnungsgemäß bei dem jeweiligen Präsidenten seines Parlamentes angemeldet zu haben. Und damit ist die Erklärungsbedürftigkeit erloschen. Ist das nicht wunderbar?

    Klar, liebe Leserinnen und Leser, daß sich die etwas älteren unter Ihnen an den Fall Helmut Kohl erinnern, der 1984 im ‹Flick-Untersuchungsausschuß des Deutschen Bundestages› in den ihm eigenen Intonationskonturen zugab, immer wieder dicke Briefumschläge mit Bargeld entgegen genommen zu haben. Und wie ist Helmut Kohl aus dieser Geschichte wieder heraus gekommen? Nun, abgesehen von dem Meineid eines nahen Bekannten half ihm vor allem eine Formulierung: «Ich habe das Geld doch immer ordnungsgemäß bei der Parteikasse abgegeben!»

    Spüren Sie die Macht der Worte, lieber Leser und liebe Leserin? Erahnen Sie die von Helmut Kohl in den politischen Diskurs eingebrachte Schamlosigkeit und Dummdreistigkeit? Um es deutlich zu sagen: Es geht nicht darum, ob und wo Helmut Kohl irgendein Geld abgegeben hat, sondern, aus welchem Grund und zu welchem Zweck er es angenommen hat. Diese Frage ist je weder gestellt noch behandelt worden. Und so konnte Helmut Kohl, unser großer Kanzler, unser Vorbild an Ungeniertheit, Ende der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts zu Recht auf die Vorwürfe, er habe Millionen aus der Leo-Kirch-Dynastie erhalten, mit Aplomb antworten: «Ich bin unbestechlich!» Warum wohl? Weil ein Kanzler der Bundesrepublik Deutschland eben unbestechlich ist. Und wieder einmal war die Aufmerksamkeit verschoben vom Eigentlichen der Geldannahme auf das Uneigentliche eines Amtes.

    Bei seinem Amtsantritt 1982 versprach Helmut Kohl eine ‹geistig-moralische Wende›. Er hat sein Versprechen gehalten. Die Helfershelfer der Herren des Wörterbuchs - bei uns nennt man sie ‹Politiker› - werden heute noch von dieser Wende getragen.

    Und so sind wir wieder in der Jetztzeit: Wenn heute ein Helfershelfer der Herren des Wörterbuches - bei uns nennt man sie ‹Politiker› - der Öffentlichkeit einräumen muß, daß er von einer Interessengruppe mehr oder weniger regelmäßig Geld erhält, dann erinnert er sich an Helmut Kohls Pionierleistung in politischer Unverfrorenheit und sagt, er habe diesen Vorgang doch ordnungsgemäß dem Präsidenten seines Parlamentes gemeldet. Und damit ist er in der medialen Öffentlichkeit um die Frage, aus welchem Grund und zu welchem Zweck das Geld an ihn gezahlt wurde und wird, herum gekommen.

    Ordnungsgemäß! Ach, ein so schönes, ordentliches Wort. Halten wir also in aller Ordnung fest, daß in unserer final-kapitalistischen Gesellschaft ‹Nebenverdienste› von gut alimentierten Parlamentariern ordnungsgemäß sind. Was sagte Karl Kraus in der Fackel Nr. 202, vom 30.4.1906: «Der Parlamentarismus ist die Kasernierung der politischen Prostitution.» Und was sagt ein ‹Politiker› heute? «Korruption? Och nö!»



    Erstellt: 21. Januar 2005 - letzte Überarbeitung: 21. Januar 2005
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