BOAG - Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung
«Im Faktenkerker»
von Albertine Devilder
Als PDF-Datei laden

«Am unverständlichsten reden die Leute daher,
denen die Sprache zu nichts weiter dient
als sich verständlich zu machen.»
(Karl Kraus)

Das Leben könnte leicht und einfach, ja, geradezu idyllisch sein, wenn man nicht so oft auf andere Menschen treffen würde, die über einen ‹gesunden› Menschenverstand verfügen. Sind gleich mehrere solcher Exemplare zu irgendeinem Behufe versammelt, und wir haben an dieser Congregatio teilzunehmen, dann wird es sehr schwer für alle freien Geister. Denn schon nach wenigen Minuten des Sprechdurcheinanders geht der Empfindsamen das Gerede so auf den Geist, daß sie schier verzweifelt. Sie fühlt sich niedergedrückt und überwältigt, sie wird konfus, ihre Gedanken zerfallen – und weit und breit ist keine Hilfe in Sicht. Sagt die Verzweifelte aus Notwehr dann mit einer Geste der Verlorenen auch mal irgendetwas, was ihrer Welt schlemmender Diskurse entspricht, streift sie nur ein kurzer und eher mitleidiger Blick der anwesenden Vernünftigen, und das Sprachgetöse geht ohne eine Antwort an sie weiter, bis sie endlich ganz verzagt und resigniert jede Hoffnung auf ein Gespräch, an dem sie sich beteiligen könnte, fahren läßt.

Aber was stört denn die Sprachempfindsame so an dem Gerede der Menschen mit einem ‹gesunden› Menschenverstand? Was ist denn so abwegig daran, wenn Menschen auf den üblichen Sprachwegen wandeln und das Unwesentliche um und um drehen? Ist das denn so schlimm, wenn Menschen reden, aber nichts sagen? Schauen wir uns um.

Nun, der ‹gesunde› Menschenverstand lebt in einer Welt der Tatsachen, in einer Welt, die sich von sich aus offenbart hat. Er braucht nur hinzuschauen, dann sieht und versteht er. Für ihn zerfällt die Wirklichkeit in einzelne bestimmbare und nennbare Tatsachen. Und über diese Tatsachen oder Fakten hat man Bescheid zu wissen. Denn nur wer viele Tatsachen ‹weiß›, hat einen direkten Zugriff auf die Wirklichkeit - und darf mitreden. Anmutig zusammengefaßt können wir sagen, daß normale Menschen mit einem ‹gesunden› Menschenverstand in einem Faktenkerker leben. In Diskussionen – Diskurse gibt es hier nicht – lugen sie keck aus ihrem Faktenkerker heraus und rufen lautstark das, was ihnen als Faktum erscheint, in die Welt. Da das die anderen normalen Menschen mit ihrem ‹gesunden› Menschenverstand ebenso halten, entsteht nach ganz kurzer Zeit eine Kakophonie der Faktenbehauptungen, ein tosendes Durcheinander an Meinungen und Urteilen über die Welt, die vom Einzelnen als Tatsachen angesehen werden.

Es ist gänzlich überflüssig, inhaltliche Details dieser behaupteten Fakten zu erwähnen. Sie gruppieren sich in den klassischen Genres, über die eben geredet wird, und in den Diskussionen wird deutlich, daß Menschen mit einem ‹gesunden› Menschenverstand ganz übereinstimmend die Ziele verfolgen, die ihnen in der Merkatokratie des finalen Kapitalismus nahe gelegt werden. Die soziale Konstruktion der Personen funktioniert. Wie Marionetten sagen die Menschen mit einem ‹gesunden› Menschenverstand in ihrem ‹abschließenden Vokabular› (Richard Rorty) die Fakten auf, die jetzt gesagt werden müssen. Und die eigentlichen Diskussionen, die Streitereien, das Durcheinander beginnt immer dann, wenn der eine mehr oder etwas wichtigeres zu wissen behauptet, als der andere. Oh, dann geht es aber los!

Was wir bei Menschen im Faktenkerker niemals beobachten können, ist eine Erwägungskultur, eine Behutsamkeit, eine Nachdenklichkeit, ein zögerliches Tasten, ein Staunen über Unbegreifliches, oder gar eine Trauer, daß wir mit unserer Sprache die Schönheiten dieser Welt niemals treffen können. Menschen im Faktenkerker leben in ihrem von den Herren des Wörterbuchs geschaffenen Wirklichkeitsraum und schaffen es nicht, sich Möglichkeitsräume zu betrachten. Was möglich ist, grenzt für sie an Träumereien und Spinnereien, doch leider, das wissen sie ganz genau, sind die Fakten ganz anders gelagert. Und Fakten sind wirklich.

Das ist nun alles sehr schade, denn ein Leben im dunklen Faktenkerker ist sehr anstrengend, immer muß man die angesagten Fakten parat haben und sich vernünftig, also gemäß dieser Fakten verhalten. Und ein solches Leben ist auch traurig und unschön, denn es fehlt so viel, wenn die Sprache nur der Tatsachenbenennung dient – und es scheint keine Sonne in den Kerker.

Es bleibt noch zu sagen, daß in den ordinären Diskussionstumulten der Sieger von vornherein feststeht, denn das Sagen hat, die finalen Tatsachenbehauptungen darf aufstellen, derjenige, der das höchste soziale Prestige in dieser momentanen Menschenagglomeration hat. Deswegen ist es so tränenrührig, zu sehen, wie Leute mit wenig Prestige versuchen, sich mit allgemeinen und völlig ausgeleierten Faktenbehauptungen ganz besonders hervorzutun und einzuschmeicheln, damit endlich auch ihnen wenigstens einmal eine Zustimmung durch die Wissenden widerfährt.

Und dies ist dann der Punkt, an dem die Gesprächs-Empfindsame gleichsam umkehrt. Aus ihrer großen Verzweiflung ob der überflüssigen und nichtssagenden Wirklichkeits- und Wahrheitsbehauptungen heraus löst sich in ihr eine kalte Verkrampfung und weicht einer tiefen Empathie. Und da endlich – und nur da – treffen sich die Menschen mit ihrem ‹gesunden› Menschenverstand und die Empfindsame und sind vereint im wechselseitigen Mitleid. Zwar ist dieses kalt und jenes warm, doch immerhin, es ist Mitleid. Das könnte ein Anfang, ein Neubeginn sein, doch, ach, dazu wird es niemals kommen. Wirklichkeitsräume und Möglichkeitsräume liegen so weit auseinander! Wer schafft es, eine Brücke zu schlagen?



Erstellt: 2. Oktober 2008 – letzte Überarbeitung: 6. Oktober 2008
Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung.
Alle Rechte vorbehalten.
Bitte senden Sie Ihre Kommentare zu diesem Text per E-Mail
an unseren Sachbearbeiter Dr. Artus P. Feldmann.