BOAG - Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung
«Politik: Sprache statt Wirklichkeit»
von Helmut Hansen
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«Es ist unzulässig,
daß Leute der Wissenschaft Tiere zu Tode quälen;
mögen die Ärzte mit Journalisten und Politikern experimentieren.»
(Henrik Ibsen)

Wir sollten es genießen, wenn in unserem Gemeinwesen wieder einmal deutlich wird, daß ein alter von der ‹Bochumer Arbeitsgruppe› erfundener Aphorismus so was von haargenau mitten hinein in die pralle Wirklichkeit trifft:
«Es geht nicht darum, was geschieht, sondern wie darüber gesprochen wird.»
Politiker und Politikerinnen können so dumm, so ungebildet, so bestechlich, so ungeeignet, so ignorant daher kommen, diesen Aphorismus erfüllen sie vom ersten Tag ihrer ‹Karriere› mit Leben. Und das immer wieder und wieder, sozusagen alternativlos, und so lange, bis sie ihr Sprechen über die Wirklichkeit und die Wirklichkeit selbst nicht mehr auseinander halten können. Und wenn ihnen dann mal jemand die Wirklichkeit in einer anderen Sprache als der ihren vor die Nase hält, reagieren sie empört, denn, tatsächlich, sie haben die ‹eigentliche› Wirklichkeit aus den Augen verloren.

Wir halten in diesem kleinen Traktätchen für die Nachwelt fest, was unsere derzeitige Regierung uns freundlicherweise an sprachlichen Beschreibungen über ‹arm› und ‹reich› in Deutschland zur Verfügung gestellt hat, und wie sie diese Beschreibungen in ihrem sogenannte ‹Armutsbericht› final korrigiert, verbessert, aufgehübscht, kurz embelliert hat. Denn große Unterschiede zwischen ‹arm› und ‹reich› kann und darf es in unserem Gemeinwesen gar nicht geben, da bei uns ganz alternativlos im Mittelpunkt der Mensch steht: ‹Wirtschaft›, ‹Wachstum› und ‹Wohlstand› sind für alle da!

Schauen wir in den aktuellen Armuts- und Reichtumsbericht vom 6. März 2013 (Neu) und vergleichen diesen mit dem Entwurf desselben vom September 2012 (Alt). Und, wie oben schon einleitend gesagt: Genießen wir die vor allem von den Neo-Liberalen eingebrachten Glättungen und Bearbeitungen, genießen wir die Macht der neoliberalen Sprache im Dienste der Verschleierung und Irreführung! Denn in den Augen des Neoliberalismus kann eine gesellschaftliche Spaltung gar nicht größer werden, wenn es diese doch überhaupt nicht gibt. Klar: Die ‹Herren des Wörterbuchs› schmunzeln und freuen sich über ihre treuen Gefolgsleute.

Hier nur wenige Beispiele, zum Teil wörtlich, zum Teil als Zitat [1] Die Beispiele sind entnommen dem Artikel «Bundesregierung schönt Armutsbericht» in der Süddeutschen Zeitung Nr. 275, vom 28. November 2012 und der Online-Ausgabe der SZ vom 6. März 2013: Armutsbericht der Regierung: FDP setzt sich mit Beschönigungen durch.:

  • Alt: «Die Privatvermögen in Deutschland sind sehr ungleich verteilt.»
    Neu: Dieser Satz wurde gestrichen.
  • Alt: «Allerdings arbeiteten im Jahr 2010 in Deutschland knapp über vier Millionen Menschen für einen Bruttostundenlohn von unter sieben Euro.»
    Neu: Dieser Satz wurde gestrichen.
  • Alt: «Während die Lohnentwicklung im oberen Bereich positiv steigend war, sind die unteren Löhne in den vergangenen zehn Jahren preisbereinigt gesunken. Die Einkommensspreizung hat zugenommen. Dies verletzt das Gerechtigkeitsempfinden der Bevölkerung.»
    Neu: Stattdessen wird nun angeführt, daß sinkende Reallöhne ‹Ausdruck struktureller Verbesserungen› am Arbeitsmarkt seien, weil ‹zwischen 2007 und 2011 viele Arbeitslose oder in geringer Stundenzahl Beschäftigte eine Vollzeitbeschäftigung im unteren Lohnbereich neu aufgenommen&xnbsp;haben.›
  • Alt: «Die Einkommensspreizung hat zugenommen.»
    Neu: «Die Ungleichheit der Einkommen nimmt derzeit ab.»
  • Alt: Bei manchen Alleinstehenden mit Vollzeitjob reiche der Stundenlohn nicht für die Sicherung des Lebensunterhaltes. Dies verschärfe die Armutsrisiken und schwäche den sozialen Zusammenhalt.
    Neu: Diese letzte Bemerkung ist weggefallen. Statt dessen steht nun da, daß dies «kritisch zu sehen» sei.

  • Das genügt. Ist das nett? Ja. Denken wir daran, daß Christen schon seit langer Zeit rufen, Mindestlöhne seien unsozial. Und denken wir daran, daß die sogenannte ‹FDP› Thesen vertritt, die schon 1939 fast wortgleich vom diebischen Banker in John Fords ‹Stagecoach› dahin gerufen wurden.

    Müssen wir uns Sorgen machen? Nein, alles wird gut! Denn Politiker haben immer alles im Griff. Insbesondere die Sprache.



    Erstellt: 28. November 2012 – letzte Überarbeitung: 6. März 2013
    Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung.
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