BOAG - Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung
«Wirklichkeit, Wahrheit, Wissenschaft, Ethik»
von Albertine Devilder
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In meinem kleinen vierteiligen Traktat «Wie wirklich ist die Wirklichkeit» habe ich behutsam, feinsinnig und endgültig gezeigt, wie weit die beiden epistemologischen Ideologien des Realismus und des Konstruktivismus auseinander liegen. In dieser kleinen Studie möchte ich nun zeigen, welche ethischen Perspektiven sich aus Objektivismus, Materialismus und Realismus auf der einen, und aus Subjektivismus, Idealismus und Konstruktivismus auf der anderen Seite ergeben. Dieser Blick auf die ethischen Konsequenzen ist von ganz erheblicher Bedeutung. Denn er zeigt in ganz anschaulicher Weise, warum unsere Welt so ist, wie sie ist. Und was aus ihr werden könnte.


Ethik im Realismus der Moderne

Um die ethischen Perspektiven des modernen Realismus zu verstehen, müssen wir uns kurz noch einmal mit Ontologie und Epistemologie des Realismus beschäftigen. Hier wird gesagt, außerhalb von uns, unabhängig von uns, existiere eine Welt, die sich auf unseren Sinneswerkzeugen, ohne unser Zutun, spiegelbildlich oder repräsentatorisch abbilde! Was hat das mit Ethik zu tun? Nun, wenn die Welt da draußen sich unseren Sinneswerkzeugen einfach aufdrängt, können wir als Wissenschaftlerinnen keinerlei Verantwortung für irgendwelche von uns «entdeckten» Daten haben, solange wir diese «objektiv» und «sauber» gemäß wissenschaftlich-methodistischer Standards erhoben haben. Die «Daten» in der Welt da draußen prallen auf die Sinnesorgane des selbstlosen, objektiven Wissenschaftlers, und der schreibt sie doch einfach nur auf. Oder anders: Im Realismus der Moderne versucht der aufrechte Wissenschaftler so zu tun, als könnten Beobachtungen ohne Beobachter gemacht werden; als könnte er sich aus seinen Beobachtungen heraushalten. Und durch diese neutralen, objektiven Beobachtungen «entsteht» der Zwang der Fakten, das Hereindrängen der Datenwahrheit, der Druck der Sache, der Boden der Tatsachen, die Macht konkreter Zahlen, die Sachzwänge, und die lassen sich weder ändern noch hat die jemand zu verantworten! So einfach ist das.

Wie soll ich das Scheitern des Realismus, wie soll ich den ethischen Kollaps der Moderne beschreiben? Nun: Ich könnte sagen: Positivismus, Realismus, Materialismus und Methodismus der Moderne führen zur Verantwortungslosigkeit, und genau deswegen sieht die Welt so aus, wie sie leider aussieht! Ich könnte auch sagen: Die Moderne, als Erfindung von Männern, ist die Versuchsstation für den Weltuntergang!


Ethik im Konstruktivismus der Postmoderne

Zu Beginn wieder eine kleine Einführung in die konstruktivistischen Grundgedanken: Die im Realismus vorherrschende übliche Trennung von Subjekt und Objekt wird aufgehoben. Hier wird gesagt, die Welt existiere zwar ontologisch betrachtet außerhalb von uns, ohne uns, relevant sei aber, daß sie in unseren Köpfen nur so existiere, wie wir sie verstehen, wie wir sie vorher interpretiert haben. Erkenntnis komme von Kennen! Also existiere epistemologisch betrachtet die Welt nur im Kopf des Beobachters. Und es gebe bei jeder Aussage, jedem Tun, nur Subjektivität. Objektive Aussagen über die Wirklichkeit seien nicht mehr möglich.

Was hat das mit Ethik zu tun? Nun, das ergibt sich sofort, denn die Haltung der Wissenschaftlerin zu dem, was sie untersucht, kann nicht mehr die der distanzierten Wahrheitssucherin sein, denn sie stellt ja ihr Untersuchungsobjekt so her, wie sie sich das eben vorstellt! Und sie stellt ja nicht nur ihre Konstrukte über die Welt selbst her, sondern auch die damit verknüpften Prognosen. Und sie ist es selbst, die dann darüber entscheidet, ob die Prognosen eingetroffen sind, ob Kriterien validiert werden konnten.

Die Wissenschaftlerin selbst ist also dafür verantwortlich, wie sie über diese Welt spricht. Ja, die Wissenschaftlerin in der Postmoderne hat die volle Verantwortung für alles, was sie zu erkennen glaubt. Sie kann sich nicht mehr hinter so einem Zauberwort wie «objektive Messung» verstecken. Denn im Sinne von Bateson und Spencer Brown macht sie die Unterschiede, die einen Unterschied machen! Geht sie als Professorin für Psychologie z.B. davon aus, daß es «ganz grundsätzlich» «geeignete» und «ungeeignete» Studierende gibt, erfindet sie einen Klausuren-Separator und erzeugt damit genau das, wovon sie ausgegangen ist: Geeignete und ungeeignete Studierende.

Da im Mittelpunkt konstruktivistischen Denkens die Erkenntnis als Konstruktionsakt steht, kann es keine Objektivität ohne Klammern mehr geben, keine einzige richtige und vernünftige Antwort mehr, sondern es kann nur viele richtige Antworten geben, auch richtige Antworten, die widersprüchlich und paradox sind. Dies bedeutet wiederum, daß es nicht mehr nur noch eine Ethik ohne Klammern und damit nur ein Universum einer allgemeingültigen und möglicherweise christlichen Universalethik geben kann, sondern viele Ethiken, ein Multiversum von Ethiken. Und das hat zwei Aspekte: Wir müssen zum einen die vielfältigen ethisch-moralischen Überzeugungen in den verschiedenen kommunalen Systemen innerhalb unserer Kultur und zwischen den verschiedenen Kulturen anerkennen und zum anderen auch die kontextuelle Eingebundenheit ethischen Handelns sehen. Erst wenn wir Ethik in Klammern setzen, erst wenn wir sehen, daß es ein Multiversum verschiedener Ethiken gibt, die durch Sprache und mit Sprache hergestellt werden, dann erst kommen wir auf den sehr guten Gedanken, daß Ethik und Sprache sehr viel mit einander zu tun haben, ja daß Ethik eigentlich das Anrennen gegen die Grenzen der Sprache ist (Ludwig Wittgenstein). Aber auch viele andere Denker haben diesen Zusammenhang zwischen Ethik und Sprache gesehen. So etwa Tolstoi, der mal gesagt hat: «Die Moralität des Menschen zeigt sich in seinem Verhältnis zum Wort.»

Wenn unsere Konstruktionen sich nicht mehr an der Wirklichkeit überprüfen lassen, bedeutet dies, daß wir uns im wissenschaftlichen, aber auch alltäglichen Diskurs nicht mehr auf die Wirklichkeit oder die Wahrheit oder die Logik berufen können. Das ist alles andere als leicht zu begreifen. Die meisten Leute, die zum ersten Mal hören, daß sie den festen Boden der Tatsachen verlassen sollen, geraten ins Schwanken und meinen ins Bodenlose zu fallen! In den ostasiatischen Philosophien ist die Einsicht in das Bodenlose des Daseins die höchste Stufe der Entwicklung. Wir hier im Westen versuchen das Gefühl der Leere und der Bodenlosigkeit unserer Existenz unter allen Umständen, d.h. singend, pfeifend, schwatzend, tanzend und vor allem mit der TV-Fernbedienung spielend zu vermeiden. Wenn unsere Konstruktionen sich nicht mehr an der Wirklichkeit überprüfen lassen, bedeutet dies aber auch, daß es eigentlich nicht mehr möglich ist, für die fixe Idee einer Wahrheit zu kämpfen und andere zu töten oder sich selbst töten zu lassen. Wir können auch nicht mehr mit den beliebten Sachzwängen argumentieren. Wir können uns auch nicht mehr auf wissenschaftliche Befunde und Ergebnisse berufen, die soeben von Wissenschaftlerinnen festgestellt wurden. Wissenschaft wird zu einer möglichen Art, die Welt zu sehen, wird zu einem quasi-religiösen Sprachspiel, das heute leider immer noch viele Menschen tief beeindruckt. Statt des Wahrheitskriteriums werden wir in Zukunft ethische und ästhetische Kriterien heranziehen. Und damit sind wir bei dem rätselhaftesten Satz des «tractatus-logico-philosophicus» von Ludwig Wittgenstein, meinem Lieblingssatz 6.421: «Ethik und Ästhetik sind Eins!»

Wenn unsere Konstruktionen sich nicht mehr an der Wirklichkeit überprüfen lassen, bedeutet dies, daß uns eine bisher nie gekannte persönliche Verantwortung aufgeladen wird! Wie sollen wir dieser nachkommen, wie sollen wir diese Verantwortungsbürde tragen können? Indem wir z.B. in der Wissenschaft ethische Fragen nicht mehr ausklammern, sondern diese von Anfang an jeden wissenschaftlichen Diskurs bestimmen lassen. In der Postmoderne ist die Psychologie zum Beispiel keine Naturwissenschaft mehr, sondern eine moralische Wissenschaft! Stellt euch das mal vor! Nicht moderne Männer mit ihren Begriffen wie Fakten, Daten, Sachzwänge und Machbarkeit dominieren den öffentlichen Diskurs, sondern wir mit unseren Begriffen wie Ethik und Verantwortung und der Frage, nein, nicht nach dem Machbaren, sondern nach dem Machenswerten! Unvorstellbar? Nein, vorstellbar!

Wenn unsere Konstruktionen sich nicht mehr an der Wirklichkeit überprüfen lassen, bedeutet dies, daß wir ganz zwangsläufig ethisch orientierungslos oder gar zu unethischen Bestien werden? Ich denke nein. Natürlich gibt es viele Menschen, die sich in ihrer Verantwortungslosigkeit sonnen. Aber wenn wir postmoderne konstruktivistische Ethik-Konzeptionen ernstnehmen, wird wieder Ruhe einkehren. Denn wenn wir nicht erkennen, daß wir alle für das verantwortlich sind, was wir mit uns und unserem Ökosystem anstellen, dann ist es eh zu spät. Heinz von Foerster sagt es ganz wunderbar so: «A geht es besser, wenn es B besser geht.» Oder deutlicher: Entweder gewinnen alle Angehörigen eines Ökosystems, oder alle verlieren. So wird es sein!



Erstellt: 21. September 2000 letzte Überarbeitung: 21. September 2000
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