BOAG - Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung
«Entzweit: Sandschaum»
von Lisa Blausonne
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Lautes Meerestosen. Meine Augen sind geschlossen und salzige Luft strömt auf mich ein. Ich liege auf dem Rücken zwischen Gräserbüscheln in den ruppigen Dünen. Ein verlassener Ort. Ich reiche mir Weintrauben in den Mund, an deren durchsichtiger Haut Sandkörner kleben, die dann zwischen meinen Zähnen wie kleine Satelliten umherirren, ohne daß ich sie herunterschlucken möchte. Jede Traube ein Wunsch. Aber ich kann nicht so schnell Wünsche in meinen Gedanken formulieren, wie ich die kernlosen, süßen Früchte mechanisch zu mir nehme. Harter Wind zergelt an meiner Jacke. Mit einem Ruck stütze ich mich auf meine Ellenbogen und blinzle auf das Meer. Ich sehe graue Wellen. Sie schlagen mit Wucht auf die immergleiche Stelle am Strand; vielleicht zehn Meter von mir entfernt. Sie greifen unermüdlich und erfolglos mit kalten Fingern auf das Land, als wollten sie sich weiterziehen, viel weiter nach vorne, um anzukommen, aber der Mond lenkt die Massen ungeachtet ihrer Bemühungen auf seine Weise. Ich stehe auf und schaue ruhig. Die Wellen rutschen wieder und wieder zurück und bäumen sich erneut verzweifelt auf und demonstrieren ihre wilde Drohgebärde, die ins Nichts läuft: Sie sind nicht Teil der unbewegten Materie; werden sich nie paaren mit der Geduld des unerschütterlichen Landes. Wie ein Ungeheuer, das mit aller Kraft aus einem Käfig, einem begrenzten Raum entfliehen will, arbeitet das unergründliche Meer gegen eine unsichtbare Mauer und kommt nicht vorwärts. Die Silhouette eines Läufers bewegt sich sicher am Rand des Meeres auf dem feuchten Sand als sei es der Läufer, der das Meer im Zaum hielte. Es weicht ihm aber nicht aus; es kann nur nicht anders. Manchmal züngelt ein Ausläufer in meine Richtung und windet sich, bereits tot, weil dem stärkenden Wasserleib entwichen, bis zu meinen Gummistiefeln. Es ist nur eine nasse, lächerliche Spur ohne Stolz. Ich finde zwischen vergehenden Schaumschichten, die sich mit dem braunen Sand zu häßlichem Brei vermischen, einen verwesenden Krebs. Ich setze ihn mir auf den Kopf und gehe weiter.



Erstellt: 2. März 2003 letzte Überarbeitung: 2. März 2003
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