BOAG - Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung
«Entzweit: Entschwunden»
von Lisa Blausonne
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Die lachenden Gesichter auf den Fotos an der Wand hinter meinem Notebook betrachte ich nur flüchtig. Ich erkenne die Menschen kaum noch; obgleich sie mir offensichtlich irgendwann etwas bedeutet haben müssen. Nun wirken sie befremdlich auf mich.

Vor ein paar Tagen kehrte ich zurück in die geräuschlose Leere meiner Wohnung, die zu groß ist für jemanden, der zu wenig zu Hause ist. Fünf Monate sind vergangen. Das Ende vom Oktober, der November, Dezember, Januar, Februar und der Anfang vom März gingen in einem anderen Land vorüber. Ich habe hier den Regen verpasst, wie er das Licht in den Straßen grau trübt und die Sehnsucht nach Sonne hervorruft. Die Kälte des Winters habe ich nicht vermisst. Statt dessen habe ich grünen Sand gesehen.

Kaltes Licht sickert aus meinem Aquarium und bescheint bläulich die Adern auf meinen Armen, während ich mit dem Notebook gedankenlos meine Mails abrufe. Bunte Kacheln für die Wand und eine glitzernde Kette am Armgelenk sind das einzige, das ich aus dem Maghreb mitgebracht habe.

Meine Nachbarin verbringt gerade den Samstagabend damit, ihre Kleiderschränke aufzuräumen. Sie strahlt damit eine angenehm langweilige Alltäglichkeit aus. Wie stellt man das her und wo?

Ich habe heute gesaugt. Und festgestellt, dass in meiner Wohnung Marienkäfer in kleinen Gruppen Selbstmord begehen oder sich zum Sterben meine Räume ausgesucht haben. Etwa neun müssen es gewesen sein, die der Sauger verschlungen hat. Rot-schwarze Käfer, meistens auf dem Rücken liegend, so dass man sie leicht mit Krümeln verwechseln kann, fand ich zwischen terrakottafarbenen Blumenkübeln im Arbeitszimmer, neben hellen Plüschläufern vor der Wanne, hinter Stapeln von Zeitschriften auf den Holzdielen und auf dem Weinregal neben der Balkontür. Ineinander gekrümmt, die kleinen Beinchen angewinkelt, lagen sie verloren in meiner Wohnung. Ich habe sie mir genau angesehen und mit spitzen Fingern umgeschubst. Sie lächeln. Marienkäfer lächeln also, wenn sie sterben.

Samstag. Vor genau einer Woche trank ich Tee mit Minze und Pinienkernen und beschloss, Heim zu fahren. Zurück. Ohne erkennbaren Grund. Ich saß auf alten Römer-Steinen in der Nähe des Hafens und drehte das warme Glas mit Tee in meinen Händen. Der staubige Orient war nicht mehr fremd genug. Nicht mehr verheißungsvoll. Und bot auch kein zu Hause.

Ich erinnere den Wind Afrikas, der uns begleitet hat. Und wahrscheinlich sind wir ihm gefolgt, wie man einem Ruf, einer Idee folgt, oder einem Traum, wenn man nur die Kraft behält. Der Wind als einzige Konstante in dieser Zeit: Auf seine Anwesenheit war Verlass.

Ich erinnere die schwarzen Tätowierungen im Gesicht der alten Frau, die ihren Mann verloren hatte, an dem Abend, an dem wir die Wüste betraten. Wir trafen sie zwei Tage nach dem Unglück. Eine ihrer sechs ernsten Töchter lud uns ein. Wir aßen gemeinsam mit ihnen zu Abend. Das regungslose Gesicht der arabischen Frau, ihre schwarzen Augen, die mich gerade und direkt anstarrten. Sie saß auf einem golden angestrichenen Stuhl und hatte vor sich das dunkle Getränk, das sie den ganzen Abend nicht anrührte. Sie schaute mich an und ich weiß, dass sie sich nicht das mindeste aus mir machte. Ich war für sie nur ein Mensch, dessen Haut an frisch gefallenen Schnee erinnert und der das Französische genauso hart ausspricht wie die Araber selbst. Sie sprach mich nie an. Sie bewegte sich auch kaum, die ganze Nacht nicht.

Nachdem ich ihre Datteln gegessen hatte, ging ich noch einmal alleine in die Nacht, um die Wüste zu begrüßen, die gleichmäßig diese Art von Stille ausatmet, vor der man Ehrfurcht hat, wenn man so wie ich aus der Stadt kommt. Ich ließ Sand entlang meiner Arme fließen und schaute hoch in die Milchstrasse, in die Sterne, die mir an jenem Abend wie ein Alphabet erschienen. Es gab keine Botschaften für mich.

Ich erinnere die Sonne am nächsten Tag, das Licht über der Wüste. Die ewig heiße Sonne, die die Farben Afrikas erschuf. Gelb auf blau, gelb auf grün, gelb auf gelb, den ganzen Tag über, während wir im offenen, runden Theater stehen und über die Tragödie diskutieren, die wir aufführen werden; während wir mit den Arabern den Hausbau planen und Striche in den Staub zeichnen. Wir wollten eine gemeinsame Heimat in der Fremde. Und bestellten Kacheln mit bunten Mosaiken in kleinen Tonfabriken. Die Kühle in den Hallen empfing mich jedes Mal wie frisch gefallene Regentropfen. Abends färbt sich das Licht im Land hellblau; alles erscheint durchsichtig, merkwürdig wässrig transparent zu dieser Stunde, an dem der Muezzin vom Band die Stille verscheucht. Das Wasserblau wird zu Orange, und sehr schnell zu einem Tiefrot, das sich wie ein Schleier über die kalten, schroffen Berge legt und alles einfärbt und augenblicklich beherrscht, um sich dann in einem Horizont zu verlieren. Manchmal starrt man in dieses Rot, wortlos, als wäre es einmalig. Mit der anbrechenden Dunkelheit kommt der Jasminduft aus den engen Gassen der Altstadt. Wir gehen barfuss.

Die hellen Tage der vergangenen Monate werfen Schatten, jetzt, verspätet, in diese Stadtwohnung. Es überrascht mich nicht. Ich schaue auf die Kette am Arm und erinnere den Moment, an dem er geht und sich nicht umschaut, seine Tasche schultert und auf die Steine spuckt. Er ließ mich zurück. Ich stehe im Türbogen und zerbreche lautlos eine Büroklammer. Er kam wieder, irgendwann, und findet nicht die gleiche. Ich sehe die Hand, die mich halten will und weiche aus.

Ich schließe die Mails auf meinem Rechner und klappe das Notebook zu. Ich betrachte die bunte Verzierung an meinem Handgelenk, nehme sie ab und bemerke, dass sich einige der funkelnden Steine aus der Kette gelöst haben und metallene Löcher hinterlassen. Der Glanz in meinem Leben verabschiedet sich lautlos.



Erstellt: 31. März 2003 letzte Überarbeitung: 8. April 2003
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