BOAG - Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung
«Warten»
von nele
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Noch vor den Sprechzeiten finde ich mich in einer kleinstädtischen Arztpraxis ein es ist noch nicht einmal acht Uhr und sehe eine ca. zehn Menschen lange Schlange, zehn weitere sitzen. Ich verharre, denke nach, warte auf irgend eine Eingebung. Nichts. «Nach den Feiertagen ist es am Schlimmsten», verkündet jemand. Also stelle ich mich an, um mich bei der Sprechstundenhilfe für eine ärztliche Konsultation anzumelden. Vor mir steht stumm eine alte Frau in einer langen, hellgrauen Strickjacke, akkurat hoch gesteckter weißer Frisur und großen dunklen Augen wartend, wie all die anderen. Die alten Menschen setzen sich bald wieder, vergewissern sich dann und wann ihrer Warteposition, einige scheinen etwas verwirrt, andere misstrauisch. Auch die graue Jacke vor mir bewegt sich nach einiger Zeit auf die Sitzecke zu, die linke Hand in die Hüfte gestemmt nimmt sie Platz und sieht mich an. Natürlich rücke ich auf.

Die meisten älteren Frauen sind sehr hübsch angezogen und sogar geschminkt, als ob der Arztbesuch ein wichtiges soziales Ereignis wäre. Die alten Männer hingegen setzen ihre Lesebrillen auf und greifen zu den Zeitschriften auf dem großen runden Tisch, der zugepflastert ist mit Ratgebern aller Art. Eine Zeitschrift heißt gar «Wartezimmer». Eine Frau hat sich Kreuzworträtsel mitgebracht. Ein Herr Mitte fünfzig liest in großem räumlichen Umfang die BILD, welche auf ihrer Titelseite ganz schockiert darüber ist, dass im Tatort am Abend zuvor eine Babyleiche gezeigt wurde.

Die graue Jacke erhebt sich, stellt sich demonstrativ - sich und mich vergewissernd - in die für sie vorgesehene Lücke, um nach fünf Minuten erneut Platz zu nehmen. Ich überlege, ob ich ihr den Platz freundlich verbal zusichern sollte, beschließe dann allerdings zu schweigen. Hinter mir steht mittlerweile eine vollschlanke, stark geschminkte, dunkelhaarige Frau Mitte vierzig, die eine riesige grelle rote Bluse trägt und deren aufdringliches süßes Parfüm den ganzen Wartesaal für sich in Anspruch nimmt. Olfaktorischer Overkill, kommt mir sogleich in den Sinn und ich drehe mich ein paar mal zu ihr um. Sie lächelt die ganze Zeit freundlich, zumindest lange genug, um mich misstrauisch werden zu lassen.

Auf der Stuhlreihe neben der Tür zur Sprechstundenhilfe sitzt eine ebenfalls alte Frau in weißer Spitzenbluse, langem dunkelgrünen Rock und mahagoni-gefärbtem kurzen Haar, sie erinnert immer wieder daran, wie lange sie nun schon auf die Anmeldung wartet. Ihr Lidschatten besteht aus einem halben Millimeter dicken großflächigem mutigen Blau. Ich bin fasziniert und stelle mir vor, wie sie morgens vor dem Spiegel stehend dachte, mal etwas kräftiger aufzutragen, damit die anderen Wartegäste sie neugierig betrachten und dies vielleicht ihre Wartezeit verkürzt.

Nach und nach sieht man immer wieder neue Gesichter, neue Leiden, die stehen bleiben, auf dem Absatz umkehren, schimpfen, vor sich her grummelnd wieder gehen oder sich mit einem lauten humorvollen Kommentar zur Anzahl der Wartenden und der auf sie zukommenden Wartezeit in die Schlange stellen, um nach einigem Hin- und Herschauen einen Bekannten zu entdecken, keinen Bekannten zu entdecken oder einfach nach langem Überlegen und aufkommender Unzufriedenheit den Wartesaal mit nachdenklichem Haupt verlassen.

Nach eineinhalb Stunden darf ich endlich meine Anmeldung tätigen. Ich trete ein. Die Hilfe erhebt sich, ohne mich anzusehen, und verschwindet zunächst einmal in einem anderen Zimmer, um einer alten Frau etwas von ihrem Blut zu nehmen. Und ich warte wiederum, denn das Opfer hält seinen Arm nicht still und die Hilfe muss ständig neu ansetzen. Schwieriges Unterfangen. Nach zehn Minuten erscheint die Hilfe endlich und versteckt sich hinter dem Tresen. Eine Hand greift plötzlich nach meiner schon bereit gelegten Chipkarte und der Quittung. «Soll ich besser gegen 14.00 Uhr noch mal wieder kommen?», frage ich. Die Hilfe unfreundlich, lispelnd und dick antwortet genervt monoton und ohne den Blick zu heben: «Da isses genau so voll, nehmen Sie draußen Platz, Sie werden aufgerufen!» Ratlos folge ich schleunigst dem Befehl.

Als ich die Tür zum Wartezimmer öffne, steht bereits die rote Bluse davor: «Ich fass' es nicht.» Ohne Schuldbewusstsein begebe ich mich schweigend in eine Sitzecke, nehme mein Buch zur Hand und versuche zu lesen. «Das ist ein guter Arzt, der fertigt einen nicht einfach so schnell ab», höre ich einen schmächtigen langhaarigen Mann Mitte vierzig zu seinem Nachbarn sagen. «Der hat so viele Patienten, weil er beliebt ist. Da muss man schon warten, klar, aber das nimmt man doch gern in Kauf, nicht wahr.» Gegenüber sitzt der blaue Lidschatten und wartet wieder mit einer Wartezeitansage auf, dabei schauen die Augen hoffnungsvoll in die der anderen.

Zwei Sitze weiter sitzt eine sehr alte Frau, völlig hoffnungslos in sich zusammen gesunken. Ihr adretter Kleidungsstil will so gar nicht zu ihrer Erscheinung passen. Neben ihr sitzt wohl der Krankentransport. Sie klagt über Schmerzen und fragt, wann denn wohl der Arzt endlich Zeit für sie haben werde. Der Krankentransport, gereizt auf den Fußboden neben sich blickend, dreht sich zu ihr: «Halt die Guschn.» Die Alte hört ihn wohl nicht. «Du sollst dei Guschn halt! Des is, weil ihr immerda so ungeduldig seid!» Und damit fällt das ungleiche Paar wieder in seine schweigsame und unglückliche Ausgangshaltung zurück.

Nach einer Weile merke ich, wie mich das schmächtige Langhaar anschaut: «Na Kleene, die ham uns wohl vergessen!» Kleene?! Ich bereue es, nie etwas für meine ernste altersgemäße Ausstrahlung getan zu haben, beschließe, mich ab sofort zu schminken und mir die Haare zu färben, dabei versenke ich zügig meinen Blick ins Buch und verpasse damit den Moment einer schlagfertigen Antwort, was mich sogleich noch mehr ärgert und auf die Zeilen starren lässt, ohne wirklich lesen zu können. Das Langhaar steht plötzlich auf, kommt auf mich zu, bückt sich und hebt mein Lesezeichen auf: «Hier Kleene, damit Du's nicht vermisst.» «Hm, danke.»
Dann beginnt er abermals ein Gespräch über den Arzt: «Ach, der ist auch schon so alt. In ein paar Jahren geht der in Rente, und was soll dann aus uns werden? Aber das interessiert ja keinen.»

Plötzlich kommt eine lebenslustige Bekannte durch den Wartesaal auf mich zu: «Hi, was machst Du denn hier?» Ich verstehe die Frage nicht. Sie grinst mich an, lässt sich neben mir nieder und beginnt nun, laut und ausführlich, ihren geplanten Tagesablauf zu referieren. Ich schaue ab und zu ins Buch, und versuche mit einem Soso und Aha und Hm zu bekunden, dass ich an ihrem Monolog keineswegs interessiert bin, das hilft - oder auch nicht. Jedenfalls verabschiedet sie sich nach ein paar Minuten: «So, jetzt muss ich Dich leider wieder allein lassen. Ich hab' wirklich keine Zeit, muss noch so viel machen. Tschüss!»

Ich bin erleichtert, doch gleichzeitig fühle ich mich zurückgelassen, bin an nichts mehr interessiert, hasse dieses Wartezimmer, lege das Buch beiseite und starre an die Decke. Meine wortlosen Gesten sind ebenso rar und minimal wie die der anderen Nichtredenden und Nichtssagenden und ich frage mich unzufrieden, wie viele Bücher es schon über das Warten gibt, ob Warten womöglich erst durch Bürokratie und den modernen Staat hervorgebracht wurde, und warum oftmals so negativ über das Warten geschrieben und geredet und gedacht wird, vor allem von mir. In einer Zeit, in der fast alles zu jeder Zeit ohne große Anstrengung zu haben ist, in der man sich jeglicher Sache, jeglichem Gedanken und jeder Person entledigen kann, sind Wartezeiten womöglich nur noch bürokratische Akte, die kaum einer zu schätzen weiß. Was bedeutet Warten in einer Zeit, in der sich viele Menschen und auch schon die Krankenkassen über Stress und Hektik als wichtigen Kostenfaktor beklagen?

Ja, wir warten nur ungern, hängen nicht gerne unseren Gedanken nach, verfolgen nicht gerne unsere geistigen Abgründe, sondern erzählen lieber Erfolgsgeschichten und beschreiben unser Leben als durchgängige gesellschaftlich anerkannte Karriere, mit Anerkennungsschreiben und -scheinen und Qualifikationen aller Art, einer Karriere, die durchzogen ist von allerlei unsinnigen Beschäftigungen, die Hobbys genannt werden und einer Unmengen an Bekanntschaften.

Wir verschlingen als moderne Weltbürger Medien, die über so genannte alternative Lebensformen berichten, probieren dies und das, und irgendwann sind wir auf der Öko-Schiene, bis wir einen Job bei einem Autohersteller bekommen. Wir nehmen unzählige Beziehungen mit, sind ein paar mal verlobt, weil man ja Erfahrungen sammeln muss. Als Frau sollte man auch immer die so genannte biologische Uhr ticken hören und möglichst noch vor dem 35. Lebensjahr Kinder bekommen, alles andere scheint unverantwortlich.

Man muss ja etwas zu tun und vor allem zu erzählen haben. Und nebenbei sollte es möglichst besser, mehr und gewaltiger sein als das, was andere erzählen. Weltoffene Menschen haben deswegen immer über Schlüsselerlebnisse zu berichten, die sie irgendwann im tiefsten Ich veränderten und zu ganz neuen Menschen haben werden lassen. Eine Reise zum Amazonas, nach Indien, nach Südafrika, nach Asien. Und wer noch nie geflogen ist oder im Ausland war, hat eh was verpasst. Sie werden zu Buddhisten, die als Finanzberater arbeiten, ein kleines Haus mit Garten haben, den sie nach Feng Shui bepflanzen, und die Ehegatten bieten überteuerte Selbstfindungskurse an. Lässt man sich von diesem Strudel nicht mitziehen, hält man diese Dinge und alle möglichen sozialen Kontakte für überflüssig, dann wird man mit der Frage konfrontiert, was man denn die ganze Zeit gemacht habe, natürlich zu dem Zweck ein schlechtes Gewissen zu bekommen und sofort damit zu beginnen, alles nachzuholen oder eine gute Rechtfertigung parat zu haben.

Worauf wartet man denn noch? Ist dies mit den Möglichkeiten der Postmoderne gemeint? Über jede Möglichkeit Bescheid zu wissen und sie gleich zu nutzen? Sollte man sich jeder intensiven Lebenserfahrung an den Hals werfen? Ich denke an den Druck und die Erwartungen, die mit dieser Einstellung einhergehen, an all die «Zurückgebliebenen» und «Zurückgeworfenen», an all die Menschen, welche die Mindestanforderungen nicht erfüllen wollen oder können, an die unbekannten Künstler, die stummen Poeten, die leisen Musikliebhaber, die Leser, die stillen Erfinder, die Träumer, die Saumseligen, die keiner ruft, weil sie keinen Ruf haben. Sie sind namenlos wie die Menschen in den Wartezimmern. Sie warten auf das nächste Buch, auf die nächste Idee, auf das nächste Stück.

All die Leute hier haben vielleicht nichts dergleichen erlebt, sie sind nicht so weltoffen und gebildet und alternativ wie manch ein westlicher Buddhist. Denn als Kranker und Leidender bleibt man hinter den großen Errungenschaften der Weltaufgeschlossenheit zurück, allein, einsam. Und hier, während des Wartens, hat man die Möglichkeit, über sein kleines Leben nachzudenken. Und man hat gelernt zu warten, und sogar seine Träume und Künste hinter sich zu lassen.

Während des Wartens unterhalten sich die Menschen nicht über die großen Ereignisse. Sie sprechen aus Verlegenheit miteinander und schweigen dann, um die nächste Gelegenheit für einen erneuten Gesprächsansatz wahrzunehmen und Minuten später abermals auf den Boden starrend dem Schweigen zu verfallen oder die Neuankömmlinge zu mustern.

Endlich nehme ich das Buch wieder auf, klappe es zu und warte ebenfalls. Das Leben bleibt vage.



Erstellt: 30. August 2008 letzte Überarbeitung: 2. September 2008
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