BOAG - Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung
«Amerikanische Bilder: Dritter Teil»
von Lisa Blausonne
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Montag morgen im Radio: «I hope you had a fantastic weekend!», und er zieht die ‹a's› in ‹fantastic› dermaßen in die Länge, dass ich beim Wasserkochen am Gasherd eine Grimasse ziehe.

Die Autofahrer halten mich für einen Raudi. Ich fahre zu dicht auf und drängle die Fußgänger. In Deutschland macht man das halt so. Hier nicht. Ich habe schon fleißig Parkstrafen gesammelt, ich verstehe einfach noch nicht, wann ich wo parken darf. An den Stellen, an denen der Bordstein blau oder gelb oder weiß angestrichen ist? In der Nähe von Hydranten darf man nicht parken, das habe ich kapiert. Die Schilder sind mir auch zu kompliziert, auf denen steht, wann das Parken wegen Straßenreinigungen nicht erlaubt ist. Beispielsweise: «Parken darf man nicht am Dienstag von 6 a. m. to 8 a. m. und am Wochenende von 8 p. m. to 5 a. m». Das soll man so schnell verstehen, wie die kleinen Politessenautos herbei gesaust kommen. Auch darf rechts überholt werden, ich erschrecke jedes Mal dabei. Die Ampel hängen auf der gegenüberliegenden Seite und ‹rot› gilt nicht für Rechtsabbieger, daran allerdings gewöhne ich mich langsam.

Das erste Auto, das wir uns geliehen hatten, war ein normaler PKW, weil ich darauf bestand. Was ich nicht wusste: In einem solchen Auto sieht man nichts, denn rechts und links und vor und hinter dem Wagen fahren nur Jeeps, die so groß sind, dass ein reguläres Auto ‹verschwindet›. Jetzt fahre ich also auch Jeep, wippe beim Fahren leicht und summe mit der Musik in den Radiosendern: Tom Petty oder ‹Let’s go to San Francisco› oder Jefferson Airplane. Bin ich eine der vielen steilen Straßen hochgefahren und froh, dass ich keine Angst haben muss, aufzusetzen, hüpft mein Herz einen Moment wegen der Fallhöhe, doch dann genieße ich beim Herunterfahren die wunderbare Aussicht auf eine Stadt, die umsäumt ist von Wasser.

Die Straßenführung in San Francisco ist auf Grund des Schachbrettmusters leicht durchschaubar. 22. Straße, 21. Straße, 20. Straße: Wichtiger als die Hausnummern sind die Kreuzungen: 20. Straße Ecke Mission zum Beispiel, oder 20. Straße Ecke Valencia. Durch diese einfache Struktur sind gesuchte Häuser leichter auffindbar als nach Hausnummern. Wie finden wir in Deutschland eigentlich die Häuser in langen Straßen, die Hausnummern stehen ja nicht in jeder Karte?

Vom Hügel unseres Viertels aus ist die 18. Straße gut sichtbar, eine meiner Lieblingsstraßen. Von weit oben ist sie als Schwulenviertel erkennbar, da eine überirdisch große, bunt gestreifte Flagge erhaben im lauen Wind flattert. Die Kodierung kenne ich aus Hamburg, allerdings ist sie dort weniger deutlich. Die Schaufenster der 18. Straße sind überfrachtet mit bunten, leuchtenden und glitzernden Dingen und auf den Bürgersteigen plaudern und lachen Menschen, als hätten sie alle Zeit der Welt. Zudem spaziert regelmäßig jemand mit einer Yogamatte durch diese Gegend, da in der Nähe ein großes Studio ist, der Yoga-Baum. Dort habe ich auch schon ein paar Mal einen Kurs belegt.

In den Raum passen sicher 50 dünne Menschen, eng aneinander gequetscht. Beim letzten Besuch war es wie immer voll, schwül-warm, die Luft erfüllt von Duftkerzengeruch und Gekicher. Bevor der Unterricht losging, kam ich mir eher vor wie auf einer Woodstock-Wiederbelebung, die farbigen Yogamatten sehen aus wie Picknickdecken, und ringsumher sehe ich aufgeregte, stark tätowierte junge und schöne Menschen. Der Beginn wird durch ein gemeinsames «Oooommm» gekennzeichnet; 51 laute «Ooommmms» geben der Szene plötzlich etwas Sakrales. Der athletische, ebenfalls tätowierte Lehrer rief dann durch sein Headset die Ein- und Ausatmungssequenz und Dinge wie «Durchhalten Leute, es tut weh, aber deswegen seid ihr ja hier». Dabei lief er in seinen knappen Shorts durch den Raum, verbesserte hier und dort eine Haltung und sprang dann auf einen mit Kerzen und bunten Buddhafiguren geschmückten Altar, damit man seinen durchtrainierten Körper besser bewundern kann.

Ich gehe doch lieber in eine andere Schule, die weniger nach Celebrity aussieht und in der die Positionen wichtiger sind als der Style des Höschens. Ein einfaches Studio in der Mission-Street, das bereits ab 5h morgens geöffnet hat und zu der reduzierten Philosophie passt, die ich in meinen drei Jahren Yogapraxis kennengelernt habe. Ein Lehrer und eine Lehrerin teilen sich die Tage auf, Montags, Mittwochs, Freitags unterrichtet er; Samstag Ruhetag; die restlichen Tage sie. Sie sei die beste Lehrerin für Ashtanga-Yoga in San Francisco, heißt es.

Als ich das erste Mal erwartungsvoll in ihren Unterricht ging, erschrak ich, denn im Raum schlief eine offensichtlich obdachlose und in Lumpen gehüllte Person auf dem Boden. Sie hatte sich ein paar Yogadecken genommen und einen großen, bulligen Hund bei sich, der ebenfalls zufrieden schlief. Ein Hund! Eine Obdachlose! Und das im heiligen Yogaraum, der nie mit Straßenschuhen betreten werden darf.

Ich dachte spontan «Igitt», dachte an meine Hundehaarallergie, dachte daran, dass ich vermutlich sofort einen Hautausschlag bekommen werde und an die moralische Frage: Was tun? Klar, dieser Person gefällt es hier, es ist schön warm und die Yogadecken sind sicher kuscheliger als Zeitungspapier draußen. Wie gehen Yogis mit so einer Situation um? Um 7h ist Unterrichtsbeginn, vorher üben die Schüler selbstständig. Ich war gespannt darauf, was die Lehrerin machen wird. Die anderen Schüler lächelten mir aufmunternd zu.

Um Punkt 7 Uhr stand die ungepflegte Person vom Boden auf, stellte sich ins Zentrum und sagt «Samasthiti», womit der Unterricht begann. Während ich noch völlig verdattert auf die vermeintlich ‹obdachlose› Lehrerin starrte, trottete der Hund zielsicher in meine Richtung, ließ sich mit einem lauten Geräusch neben mir fallen und legte eine seiner Pfoten auf meine Matte, die er während des gesamten Unterrichts nicht mehr zurückzog. Das war der Beginn einer großen Freundschaft. Und meine ‹Allergie› hat sich noch nicht wieder gemeldet.

Heute sprach ich in der Umkleide mit einem grauhaariger Amerikaner, Tom, er hat vier Doktorgrade, in Physik, Biologie, Recht und Philosophie. Die deutschen Kollegen würden ihn mit Herrn Prof. Tom Dr. Dr. Dr. Dr. ansprechen. Er würde sich darüber sehr lustig machen, wie auch über die bei uns so übliche strikte Einhaltung von Struktur und Distanz unter deutschen Wissenschaftler. Ich kann ihn verstehen. Er drückte mir seine Karte in die Hand und meinte, wir könnten nach dem Yoga ja einmal einen Tee trinken gehen. Leider verstehe ich soziale Zeichen und Gesten hier noch nicht; wenn Amerikaner sagen, man könne ja mal einen Kaffee trinken gehen, sind sie meist sehr überrascht, wenn man sie tatsächlich anruft. Eine solche Einladung, ein solches Angebot, muss wohl eher übersetzt werden mit einem «Grundsätzlich finde ich dich in Ordnung». Ich hoffe, ich lerne die Kodierungen bald, damit ich mich hier in den sozialen Räumen passender bewegen kann.



Erstellt: 19. Januar 2008 – letzte Überarbeitung: 28. Januar 2008
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