BOAG - Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung
«Für mich bitte nur ganz wenig!»
von Albertine Devilder
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Ein samtweicher Sommerabend. Kein Lufthauch war zu spüren. Ich saß mit meinem Liebsten im Garten eines Restaurants und betrachtete verzückt und in milden Wechsel seine phänomenal blauen Augen und die vielen neuen Sommersprossen, die sich an seiner sonnengeröteten Nase gebildet hatten. Wir waren den ganzen Tag «draußen» gewesen und nun ganz erfüllt von Wärme, Liebe und Schönheit. Wir prosteten uns zu. Cynar. Der Abend lag vor uns.

Da hörten wir von einem anderen, gut besetzten Tisch, die Bemerkung: «Das geht auch etwas höflicher, junger Mann!» Tja, und da mußten wir uns losreißen. Da war nichts zu machen. Die Wirklichkeitsprüfer in uns erwachten. Schnell versuchten wir uns zu orientieren. Da saß wohl am Rande unserer Aufmerksamkeit seit einiger Zeit eine gewichtige ältere Frau und erläuterte mehrfach, ihre vielfältige Kinder würden gleich eintreffen. Die waren aber nun wohl alle versammelt: Mehrere großvolumige Töchter und ein Sohn, die sich nicht nur alle verblüffend ähnelten, sondern auch noch den ganz ähnlichen gereizten und angestrengten Ausdruck im Gesicht trugen. Auch das beziehungsmäßige Zubehör war anwesend. Alles in allem so fünfzehn Menschen.

Was wir gerade noch beim Aufsehen mitbekamen: Eine der Töchter stand vor ihrem Stuhl und weigerte sich ganz offensichtlich, sich hinzusetzen, da die Rattanstühle Abdrücke an ihrer Ausstattung hinterlassen würden. Der nette junge Kellner bedauerte, keine Kissen zu haben und empfahl, Servietten auf den Sitz zu legen. In genau dem Moment hatte die Mutter mit der schon erwähnten Bemerkung den netten jungen Kellner zurechtgewiesen. Nach viel Theater kam die Familie aber langsam zur Ruhe und empfing die Speisekarten.

Sogleich überlegten wir, eines unserer Lieblings-Spiele zu veranstalten und möglichst genaue Verhaltensvorhersagen zu machen, wie es mit dieser Familienvereinigung weitergehen könnte. Ich behauptete zum Beispiel, die Mutter würde, wenn sie bei der Bestellung an die Reihe käme, sinngemäß sagen: «Kinder, für mich bitte nur ganz wenig. Eigentlich brauche ich gar nichts. Ich habe gar keinen Hunger! Nehmt ihr was Schönes!» Andere Voraussagen betrafen die Speisen- und Getränkezusammenstellung. Wir wurden darüber sehr lustig. Verliebt waren wir ja sowieso schon. Leider verpaßten wir die Bestellungen der Familien-Reunion.

Als wir bei unseren secondi piatti angelangt waren, wurden der Familienvereinigung gerade die Vorspeisen serviert. Alle hatten sich erstaunlicherweise eine warme Suppe bestellt. Wir waren nun sehr aufmerksam, hellwach, bereit der Völkerkunde zu dienen und das nächste wichtige Ereignis für die Nachwelt festzuhalten. Und da geschah etwas ganz Unvorhergesehenes, ja hypothesenfreies: Die Mutter reichte dem gerade vorbeilaufenden Kellner ihren noch vollen Suppenteller hin und sagte: «Die Suppe schmeckt nicht!» Crash-Boom-Bang! Göttlich! Wir waren fasziniert. Der Kellner nahm die Suppe entgegen und fragte höflich, ob er denn etwas anderes bringen könnte? Und sie sagte (endlich mein erster Treffer): «Nein, nein, für mich bitte gar nichts!» Der Kellner verschwand mit der Suppe und genau in diesem Moment war die Mutter im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Herrlich! Alle Familienmitglieder redeten gleichzeitig auf sie ein, boten ihr etwas an, machten Vorschläge aller Art: Ein beachtliches Durcheinander. Wir nennen es gerne familiale Überregulierung. Und da, wirkliche Wirklichkeit, da reichte die voluminöseste Tochter, die, die sich vorhin nicht setzen wollte, ihren Teller mit Suppe es war genau die gleiche Tomatensuppe, wie die der Mutter (auf der uns gut bekannten Speisenkarte gab es nur eine «rote» Suppe) am Tisch entlang von Hand zu Hand bis zu ihrer Mutter, und diese, kaum zu glauben, aß die Suppe mit Heißhunger auf und wischte den Teller sogar noch mit Brot aus. Das bedeutet also ein «Kinder, für mich nur ganz wenig. Eigentlich brauche ich gar nichts. Ich habe eigentlich gar keinen Hunger! Nehmt ihr was Schönes!»

Wir handelten noch eine Weile das Eintreffen unserer Voraussagen aus, erinnerten uns an Eckhard Henscheids wunderschöne Geschichte von der «Wurstzurückgehlasserin» und nahmen uns vor, zu Hause gleich nachzusehen, in welchem Band von Henscheid die Geschichte eigentlich steht. In der Zwischenzeit aßen wir, tranken dunkelroten Wein, schauten uns an und verloren das Interesse an familialen Gewöhnlichkeiten.

Der Sommerabend war noch etwas samtiger, weicher, maximaler geworden. Es war völlig windstill. Der wunderschöne Brunello hatte unsere Hirnstromkurven liebevoll geglättet, und ganz erfüllt von uns gingen wir nach Hause. Es war immer noch sehr warm und ich zog mir die Schuhe aus, um barfuß den Asphalt zu spüren. Ein Stückchen weiter war eine kleine Erhebung in die Straße eingebaut, wohl um Autofahrer zu mäßigen. Und als ich darüber ging, spürte ich, daß die Pflastersteine dieser Straßen-Ausbeulung eine andere Temperatur hatten, als der Asphalt: Sie waren etwas kühler. Und so stand ich mit einem Fuß auf dem Asphalt, mit dem anderen auf den kühleren Steinen und gerade als ich sagen wollte «Für mich bitte nur immer mehr!» wurde ich schon geküßt.



Erstellt: 14. August 2000 letzte Überarbeitung: 14. August 2000
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