BOAG - Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung
«Ökosien»
von Helmut Hansen
Als PDF-Datei laden

Immer wenn ich in die Stadt gehe, besuche ich eine Öko-Bäckerei und nehme ein kleines «Ökosien» mit. Nicht nur der Name des Brotes gefällt mir sehr gut, auch das Brot schmeckt wunderbar, obwohl ich oft denke, daß mir das Brot so gut schmeckt, weil der Name so schön ist. Aber das lassen wir jetzt einmal so stehen. Man kann sich an dieses Baguette-ähnliche Brot mit seiner köstlichen Olivenölkruste sehr gewöhnen. Leider gibt es das niemals Montags. Da ist also Ausweichtag.

In der Öko-Bäckerei arbeiten verschiedene Frauen, ganz selten mal ein Mann. Alle tragen einheitliche Öko-Bäckerei-Kittel. Ja, und dann ist da eben auch noch ein Mädchen, das mir schon seit langem nicht mehr aus dem Sinn geht: Sie ist vielleicht 20 Jahre alt, ziemlich klein, sehr dünn, mager fast, und sie hat lange blonde Haare, die ganz streng nach hinten zu einer Art Pferdeschwanz gerafft sind. Sie hat ein sehr blasses, schmales Gesicht, bläulich-durchsichtige Schläfen und riesengroße dunkelblaue Augen. Sie wirkt somnambul, träumerisch, als wäre sie bei sich oder ganz woanders. Mit einer leisen, ruhigen Stimme fragt sie zwar ganz ordentlich «Wer ist der Nächste?», sie reicht auch das richtige Brot über die Theke, nimmt das Geld, gibt zurück, ja sie macht alles richtig, aber sie ist daran nicht beteiligt. Es hat mit ihr nichts zu tun. Wenn sie zum Beispiel das Wechselgeld zurückgibt, guckt sie den Menschen niemals in die Augen, sondern haarscharf daran vorbei. Und sie lächelt nie. Ganz selten bewegen sich ihre Mundwinkel etwas nach außen, so daß man dies als ein leichtes Lächeln durchgehen lassen könnte. Aber ihre Augen lächeln nicht dazu, niemals, die bleiben unbewegt, groß, tiefblau. Immer wenn ich sie sehe, gibt es mir einem kleinen Stich ins Herz. Und da ich in letzter Zeit immer öfter in die Bäckerei gehe, um die kleine, blasse, schmale Verkäuferin zu sehen, mache ich mir auch immer öfter Gedanken über sie. An was denkt sie? Wo ist sie? Wer bewegt diese Augen? Hat sie jemanden, den sie anlächelt und der sie anlächelt?

Und vor ein paar Tagen passierte folgendes: Ich kam an einem Montag in die Bäckerei, sah einige Exemplare meines geliebten Ökosien im Regal liegen, wunderte mich darüber und fragte meine blasse traurige Lieblingsverkäuferin, warum es denn an einem Montag ein Ökosien gäbe. Und sie erklärte mir ganz langsam, ruhig und leise , daß am nächsten Tag eben ein Feiertag sei. Ich machte eine überraschte Handbewegung nach oben und sagte «Ach so!» Und jetzt geschah es: Sie machte genau diese Handbewegung nach, sagte genau in meinem Tonfall «Ach so!» und lächelte mich an. Ich erschrak zutiefst und spürte, wie mein Herz für eine Sekunde aussetzte. Denn sie lächelte wirklich: Ihr Mund lächelte, ihre Augen lächelten und sie blickte mich voll an. Zum ersten Mal. Inmitten wundersamer zarter Lachfältchen sah ich ihre dunkelblaue Iris und eingesprenkelt darin winzige kleine gelbe Fleckchen. Ich muß sie absolut blöde angestarrt haben, denn sie lächelte immer weiter. Endlich war ich soweit wiederhergestellt, daß ich zurück lächeln konnte. Es war ganz still. Alles um uns herum war außerhalb, ohne jede Bedeutung. Dann war der Zauber vorbei. Aber ich hatte nicht nur einen Feiertag vor mir.



Erstellt: 10. Oktober 2000 letzte Überarbeitung: 10. Oktober 2000
Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung.
Alle Rechte vorbehalten.
Bitte senden Sie Ihre Kommentare zu diesem Text per E-Mail
an unseren Sachbearbeiter Dr. Artus P. Feldmann.