BOAG - Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung
«Negentropie? Morphogenetische Felder? Nein. Ein Salamander ohne Punkte»
von Helmut Hansen
Als PDF-Datei laden

Wenig ist schwerer, als den Augenblick zu erspüren, in dem das Leben schön ist. Noch schwerer ist es, in diesem Augenblick zu verweilen. Und ich halte nichts für komplizierter, als diesen Augenblick in der Rückschau einzufangen, ihn in Worten zu kristallisieren. Wie diese Einleitung durchaus deutlich zeigen wird. Denn wie, vom verorteten und zeitlichen Hier und Jetzt, zurück in die Schwebe jenseits der alltäglichen Koordinaten gelangen? Wie, diesen Moment einfangen, ihn wie ein urzeitliches Insekt in Bernstein fassen, ihn zeigbar, beschreibbar machen, ohne das Erlebnis grundsätzlich zu verändern? Beschreiben ist übrigens mein Lieblingswort, unter anderem weil es das Problem, welches dieser Einleitung zu Grunde liegt, anschaulich macht. Die kurzen Ausschnitte im Leben, in denen es sich mir als schön zeigt, sind mir heilig. Versuche ich Worte zu finden, be-schreibe ich diesen feierlichen Augenblick, ich säkularisiere ihn. Nicht nur, daß ich in der beschreibenden Rückschau das Ereignis verändere, ich gehe soweit zu sagen: Die Worte beflecken den Augenblick. Meine Worte sind ja nicht meine Worte. Doch diesen kurzen Augenblick, in dem sich das Leben als schön zeigt, ich beanspruche ihn für mich allein. Das ist nicht nett, ich weiß. Aber ich bin der Ansicht, wir sollten alle Augenblicke haben, die uns allein gehören. Damit wir uns unsere Einzigartigkeit erzählen können. Wie also, diesen kurzen Augenblick möglichst unberührt, unbeschrieben für sich bewahren, aber trotzdem nicht in zwanghaftem Solipsismus versteinern, also doch eben und gerade diesen seltenen Augenblick, in dem sich das Leben als schön zeigt, mitteilen? Mitteilung, mitteilen ist übrigens eines meiner Zweitlieblingswörter, weil es die Problematik, die dieser Einleitung zu Grunde liegt, ebenfalls anschaulich macht. Erzähle ich die Geschichte dieses kurzen Augenblicks, in dem sich das Leben als schön zeigt, teile ich den Augenblick. Ich teile ihn mit. Und da ich eine grundsätzlich schlechte Meinung von den Menschen habe, teile ich mit den allerwenigsten gerne, weil sie allzu selten schätzen, was ich schätze, weil sie allzu selten achten, was ich achte. Aber darum geht es in dieser Einleitung nur bedingt. Worum es mir in dieser Einleitung geht, ist das Spannungsfeld zu zeigen, daß sich mir eröffnet, wenn ich den kurzen Augenblick, in dem sich das Leben als schön zeigt, beschreiben und mitteilen will. Ich möchte diesen heiligen Moment für mich bewahren, trotzdem aber nicht so weit gehen, gerade eben über diesen vollkommen überraschenden und bemerkenswerten Augenblick zu schweigen. Wie also diese Spannung, dieses Dilemma lösen? Da helfen vermutlich nur große Worte. Ich krame in meiner Wortschatztruhe und suche die entlegensten und schimmerndsten Perlen, um sie zu einem Fangnetz zu stricken, in dem sich dieser kurze Augenblick wie ein seltener und in seiner Fremdheit anmutiger Tiefseefisch für einen neuen kurzen Augenblick zeigt, bevor ich ihm seine Freiheit wieder zurückgebe? Das würde ich für ziemlich blödsinnig halten. Denn gerade, wenn wir in den Tiefen unserer Wortschatztruhe kramen, finden wir meistens wenig brauchbares, wenn es darum geht, das Leben und seine Dinge als solche möglichst unbefangen zu beschreiben. Wenn es darum geht, diesen kurzen Augenblick, in dem sich das Leben als schön zeigt, mitzuteilen, bevorzuge ich es stattdessen, mit den allereinfachsten und naheliegenden Wörtern schlicht zu beschreiben, was da passiert ist. Ein zielvolles, bewußtes Erzählen der Oberflächen, weil die Ereignistiefe, die wir gerne erfinden, eben, von uns dazu erfunden wird. Und je mehr wir erfinden, desto mehr verunreinigen wir den heiligen Augenblick. Wenn ich also diesen kurzen Augenblick, in dem sich das Leben als schön zeigt, be-schreiben und mit-teilen will, versuche ich das in Worten, so einfach wie möglich. Auch, und vor allem, weil zumindest ich immer wieder erlebe, das gerade die schönen Augenblicke, genau das, eben schlicht und einfach sind. Tatsächlich halte ich sogar eine schlichte und einfache Beschreibungssprache für ungleich schwieriger, als den kurzen Augenblick, in dem sich das Leben als schön zeigt, durch prächtiges Wortgeklingel mitteilbar zu machen. Der langen Einleitung kurzer Sinn wäre somit: Einfachheit, wo Einfachheit angemessen ist.

Ich möchte also jetzt zu der kleinen Geschichte meines schönen Augenblicks kommen. Wie gesagt, mir fällt das sehr schwer, weil ich diese Geschichte lieber für mich behalten würde. Aber so werde ich mich bemühen, einfach zu beschreiben, was ich erleben durfte, wie ich einen kurzen Augenblick, in dem sich das Leben als schön zeigt erlebte, unter Vermeidung großer Wörter. Tatsächlich kam mir die Erkenntnis, das die Beschreibung schöner Augenblicke so einfach wie möglich sein muß, erst während meines Ringens mit dieser kleinen Geschichte. Ich begann mit diversen Einleitungsversuchen, in denen die Wortgewalt nur so wütete. Da ging es um Negentropie, als Spiegelung einer anderen Geschichte in unserer Rubrik «Warum das Leben schön ist». Der nächste Versuch drehte sich um morphogenetische Felder, weil es in der Geschichte eine nicht erklärbare Anziehungskraft gibt. Dann versuchte ich es mit Archetypen der Popkultur, weil zumindest am Rande ein Bein von Marylin Monroe eine Rolle spielt. Aber alles führte mich nicht zu meiner Geschichte. Bis sie sich mir plötzlich eröffnete, sie befreite sich sozusagen selbst aus dem Wortfangnetz, in das ich sie einschnüren wollte. Immer wieder wand sich die Geschichte in ihrer einfachen Schönheit aus dem verfremdenden Gewand, in das ich sie hüllen wollte. Oder, mit anderen Worten, jedes Wort war eins zuviel. Und schlimmer, je tiefgründiger ich wurde, desto mehr verlor ich diesen kurzen Augenblick, in dem sich mir das Leben als schön zeigte. Und so, schließendlich, zeigte sich mir das Leben als schön: Wir haben in unserem Garten eine Ecke, die, bislang nicht als sonderlich schön zu bezeichnen war. Schattig, sandig, angrenzend an ein verfallendes Gartenhaus, überwachsen von Flieder, den ich bestenfalls in der Blüte einigermaßen hübsch finden kann. Keine Pflanze hätte es verdient, in dieser Ecke wachsen zu müssen. So sammelte sich über die Zeit in dieser Ecke allerlei, nicht wirklich Abfall, ich würde eher sagen, es sammelten sich wenig schöne Überbleibsel aus schöneren Gartenbereichen. Ein Plastikbein, das einstmals mit Moos bewachsen war und gemeinsam mit einem ebenfalls mit Moos bewachsenen Kopf die Figurengruppe «Elvis und Marylin» bildete, ein verwachsenes, grobes Geäst ohne Rinde, das als surrealistisches gefundenes Objekt nicht nur entfernt an einen Frauentorso erinnerte, allerlei Steine, Tonscherben zerbrochener Kübel und was sonst noch so im Garten übrigbleibt, aber nicht auf dem Kompost oder im Müll landet. Die unschöne Ecke wucherte also so vor sich hin, und ich beschloß, aus der Not eine Tugend zu machen. Im Spätsommer begann ich auf unseren Spaziergängen große Steine und grobes Holz zu sammeln, um auf dem Fundament von Überbleibseln einen Stein- und Holzhaufen zu schaffen, in dem sich neben uns noch weitere Gartenbewohner ansiedeln konnten. Im Winter kam dann noch der Reisig unserer Blutbirke dazu, so daß sich über die Zeit ein ansehnlicher Hügel mit einladenden Höhlen und Ritzen bildete. An dieser Stelle sollte ich vielleicht sagen, daß ich die Wahrscheinlichkeit, daß sich ein Igel oder eine Maus oder auch sonst wer in dem Hügel ansiedelt, tatsächlich für äußerst gering hielt. Meine Partnerin, der gute Geist unseres Gartens, lächelte mir in eben diesem Sinn auch immer wieder verständnissinnig zu, wenn ich mich auf unseren Spaziergängen mit schweren Steinen oder unhandlichen Gehölzen abmühte. Unser Garten, deswegen liebe ich ihn, ist nämlich eine Oase im leersten Niemandsland, und daher haben wir Igel und Maus und ähnliche Gäste bislang äußerst selten gesehen. Am allerunwahrscheinlichsten war aber, daß mein geheimer Wunsch in Erfüllung gehen könnte, daß sich in dem Hügel Salamander, Molche oder Lurche ansiedeln würden, denn die dürfte es hier eigentlich in einem Umkreis von mehreren Quadratkilometern nicht geben. Trotzdem, Liebhaber sinnfreier Tätigkeiten, schichtete ich Stein auf Stein, Holz auf Holz und Reisig auf Reisig. Als nach dem schönen Winter der schlimme Frühling kam, verlor ich meinen Hügel ein wenig aus dem Sinn. Und als nach dem schlimmen Frühling endlich der schöne Frühling ausbrach, waren wir zu beschäftigt, um weiter ein Auge auf den Hügel zu haben. Das war vermutlich gut so. Denn so tauchte plötzlich und unvermittelt, von der kraftvollen Leere meiner nun eben nicht mehr sinnfreien Tätigkeit angezogen, am Rande des Hügels ein Lebewesen auf, daß älter aussah, als es die Menschheit jemals werden wird. Ein Molch oder ein Lurch, das kann ich nicht sagen. Steingrau, still wie der Rand des Seins, saß er auf einmal da und schaute uns an. Natürlich schaute er uns nicht an, wir starrten ihn an und ich war vollkommen fassungslos. Nun muß ich dazu sagen, daß Fassungslosigkeit der von mir am meisten geschätzte Zustand ist. Ich brach aus der Fassung meiner alltäglichen Koordinaten, wurde durch den Molch oder den Lurch, das ist hier ohne Belang, in die zeit- und ortlose Schwebe geführt, in der das Leben schön ist. Als ich wieder zu mir kam, galt meine erste Reaktion Ricardo, der im angrenzenden Garten spielte, entzückender halbitalienischer Dreikäsehoch, um ihm das kleine Wunder zu zeigen. Er stand, viel weniger gebannt als ich, vor dem Molch oder dem Lurch, und ich wollte ihm meine Verzauberung vermitteln, was natürlich nicht gelingen konnte, weil für ihn als halbitalienischen entzückenden Dreikäsehoch eben diese Verzauberung noch etwas selbstverständliches ist. So fragte er einfach «Was ist das?» und ich versuchte irgend etwas zu erzählen von einem Molch, das kann aber nicht sein, weil die doch im Wasser leben, und hier ist weit und breit kein Wasser, vielleicht ist es ein Lurch, aber dazu ist er zu klein. Dann fiel es mir ein, es ist ein Salamander, sagte ich triumphierend, es ist ein Salamander, doch auch das stürzte wieder ab, nein, sagte ich, ein Salamander hat Punkte und Punkte hatte der steingraue Molch oder Lurch nun wirklich nicht. Doch dann hatte Ricardo die Lösung, natürlich hatte sie Ricardo, der noch verzaubert ist und für den die Dinge keine richtige oder falsche Bezeichnung haben, Ricardo, der noch keine Bezeichnungen braucht. Und also sprach Ricardo, wie ein alter Zen-Meister zu seinem Schüler: «Dann ist es ein Salamander ohne Punkte.» Ich schaute für einen Moment und begriff, wurde also begriffsstutzig. Ricardo gab mir die Fassungslosigkeit zurück, ja, sagte ich dankbar, es ist ein Salamander ohne Punkte.



Erstellt: 3. Mai 2001 letzte Überarbeitung: 3. Mai 2001
Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung.
Alle Rechte vorbehalten.
Bitte senden Sie Ihre Kommentare zu diesem Text per E-Mail
an unseren Sachbearbeiter Dr. Artus P. Feldmann.