BOAG - Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung
«Signa, oder die 120 Tage von Sodom (5): Proteische Exerzitien, oder: Onanie und Charakter» von Stefan Bärnwald
Als PDF-Datei laden

«Unser fließender Selbst-Entwurf als ein Kunstwerk des Scheiterns.
Mehr können wir nicht leisten.»
(www.boag.de)

Seit vielen Jahren führt Mme. Orlandi ein kleines, aber umso feineres Freudenhaus für die bessere Gesellschaft von Wien. Die Herren der Villa Salò haben keine Kosten und keine Mühen gescheut, um sie, die auf allen erotischen Abwegen erfahrene, zu ihrem Fest der Ausschweifung zu berufen. Heute, an ihrem Geburtstag, ist Mme. Orlandi von allen Diensten befreit. Eine Ruine in der Dämmerung, schwebend zwischen Eleganz und Verfall, eine Aura von Stolz und Trauer, offenbart sie ihrem Besuch auch das letzte Geheimnis der Weiblichkeit; antwortend auf die Rätsel dieses Daseins: Alles Trug, List, Lüge und Täuschung - notwendige Illusionen jedoch, die uns beschützen vor den unerträglichen Wahrheiten jenseits des schönen Scheins. Darum lasst Euch heute feiern, Mme. Orlandi, dunkel glänzend, Belle de Nuit, Hüterin des Schlüssels.

... Proteus der mit dem Feuer und der Leber? Nein nicht Prometheus Proteus Meeresgott wollte eigentlich nur Robben hüten aber ständig standen Leute auf der Matte er konnte weissagen obwohl eigentlich kein Bock auf Prophezeiung deswegen hat sich dann immer verwandelt Feuer Wasser irgendwelche Tiere damit er keine blöden Fragen beantworten musste ...

Lasziv, mit der abgeklärten Arroganz der von ihren Träumen erlösten Dirne, auf dem Grund der erlöschenden Augen ein letzter Schimmer von Sehnsucht, empfängt Mme. Orlandi ihre Gäste, gelangweilt, aber nicht unfreundlich, auf einem trübe beleuchteten französischen Bett, in den Privaträumen ihrer Kollegin Mme. Maggi. Die Besucher des zu abendlicher Stunde wie immer gut gefüllten Hauses kommen und gehen, einige bleiben. Niemand mag Mme. Orlandi die 49 Jahre glauben, die sie heute erreicht haben will. Älter als dreißig könne sie doch nicht sein, niemals aber jenseits des vierzigsten Jahres, so schmeicheln die Gäste, ohne zu übertreiben. Ihre Formel wollen die Gäste erfahren, woher diese samtige Haut, woher dieses, von keiner Furche gebrochene, ja, man möchte fast sagen, jugendliche Antlitz?

... wegen seiner Wandelbarkeit ist Proteus Vorbild für Menschen mit vielen Identitäten verschiedenen Rollen für die Bühnen des Lebens sozusagen Schauspieler im Prinzip nur anders. Das Leben ein Theater oder was kannst du jetzt bitte mal die Klappe halten ...

Ein Paar tritt ein, junger Mann und junge Frau, Studenten, vielleicht. Als Gäste der Kinder haben sie keine Stellung in der strengen Hierarchie des Hauses, in ihrer Jugend mangelt es ihnen an jener Erfahrung, derer es bedarf, um sich in den Untiefen der Villa Salò über Wasser zu halten. Mme. Orlandi bittet den jungen Mann zu sich, der mutig vortritt, und die Ehre erfährt, Mme. Orlandi auf ihrem Bett Gesellschaft leisten zu dürfen. Wie alt er sei, der noch junge Mann. Im Anfang der Zwanzig, die Antwort, worauf Mme. Orlandi ihr tiefes Mitgefühl ausspricht, für dieses Leben, das er noch vor sich hat, und für die Erlebnisse, die ihm schon bald seine Unbekümmertheit rauben werden. Und wo, mit Verlaub, seine Höflichkeit wäre, wo sein Geschenk, zu ihrem Geburtstag, den sie doch heute begeht.

... und dich wieder hier drauf konzentrieren ja. Rollenflexibilität ist doch wichtig gerade hier sonst kannst du gleich wieder gehen wenn du nur deine Alltagsperson durch die Gegend schleppst. Ist verstanden still jetzt der Typ da hat ein echtes Problem ...

Der junge Mann entschuldigt sich, dies sei ihm nicht bekannt gewesen, er hätte keine Ahnung gehabt, und so auch kein Geschenk. Mme. Orlandi, leicht gekränkt, fragt, ob er nichts am Leibe trage, oder mit sich führe, was er ihr zumindest als kleine Geste seiner Ehrerbietung überreichen könne. Der junge Gast weicht aus, nichts, was zu entbehren wäre, führe er mit sich, es täte ihm von Herzen leid. Mme. Orlandi, nun verletzt, lässt ihn wissen, das es ganz gewiss etwas gäbe, das er entbehren könne, eine sogar vortreffliche Gabe, die er jederzeit mit sich führe, und die jenes Elixier wäre, gegen ihre Alterung, für den Erhalt, der, trotz ihres viel zu bald bevorstehenden fünfzigsten Jahres, doch noch immer anmutigen Züge ihres Angesichts, welches die Gäste zuvor doch nicht genug bewundern konnten.

... wer schwadroniert denn bitte immer was von Lebenskunst multiplen Identitäten Selbst-Entwürfen und dem Zeug. Was glaubst du warum ich hier bin Mann ...

Worum es sich dabei denn nun handle, erfragt schüchtern der junge Mann, worauf hin Mme. Orlandi sich an die anderen Anwesenden wendet, um ihnen die wichtigste Zutat zu jenem Rezept zu enthüllen, dem Wundermittel, welches dem Verfall unseres Körpers, und insbesondere dem ihres Antlitzes, zwar nicht Einhalt gebiete, aber doch einen nicht unbedeutenden Beitrag zur Verlangsamung dieses abscheulichsten aller natürlichen Vorgänge, der Alterung nämlich, leiste. Mit einem tiefen Blick in die Augen des jungen Mannes, betörend, fordernd, verstörend, gibt sie das Geheimnis preis. Die täglichen Pflege des Gesichts erfordere es, gegen diese Hässlichkeit, die uns alle, mit den gleichgültig davon ziehenden Jahren, ereilt, und einer ganz besonderen Pflege bedürfe es, mit einer Gesichtscreme nämlich, nach einem Rezept, welches ihr die Mutter ihrer Mutter verraten habe, als Mme. Orlandi ein junges, aber schon nicht mehr unschuldiges Mädchen war. Um diesem schrecklichen, schleichenden, und dann immer schneller voran schreitenden Vergehen unserer Jugend ein wenig Einhalt zu gebieten, erfordere es an jedem Abend, vor dem Schlaf, einer ganz besonderen Maske für ihr Gesicht, angereichert mit Samen, über den Tag gesammelt, vom Manne, nach Höhepunkt und Erguss gut gekühlt und frisch gehalten, bis in die Abendstunde. Darum bitte sie ihn nun, den jungen Mann, von Herzen, er möge ihr seinen Samen zum Geschenk machen. Und er wäre nicht der erste, der ihr die Gabe an diesem Abend bringen würde, aber dann wohl der letzte, denn mit seinem Anteil wäre die Menge erreicht, derer sie für diesen Abend bedürfe.

... toll die Orlandi hat ihn sauber um den Finger gewickelt der weiss nicht was er machen soll. Seine Frau guckt auch schon darf nichts Falsches machen sonst kriegt er von der gleich auch noch Ärger. Hey das passt da kommt Señora Maggi das setzt noch einen drauf ...

Der junge Mann lächelt nun doch angestrengt, abwehrend sogar, Hilfe suchend blickt er zu seiner Partnerin. Mme. Orlandi, und ihre inzwischen eingetroffene Freundin und Kollegin Mme. Maggi wollen, sichtlich ungehalten, von dem Paar wissen, was hier so erheiternd sei, wieso diese Unhöflichkeit, ob sie Mme. Orlandi nicht für Wert befänden, Ernst genommen zu werden, dass das Paar dazu bitte Stellung nehmen wolle. Das junge Paar ersucht, nun gemeinsam, um Verständnis, dies sei alles, letztlich, doch nur ein Spiel, und deswegen würden sie sich gestatten, ihrer Erheiterung ein wenig Ausdruck zu verleihen. Mme. Orlandi, tief verletzt, Mme. Maggi, sichtlich erbost, was sich dieses Paar erlaube, ob sie nicht wüssten, dass sie als Gäste ein Mindestmaß an Formgefühl zu bewahren hätten, das ihnen doch klar sein müsse, das ihr ungebührliches Verhalten, da sie ja nun einmal Gäste der Kinder seien, zu einer schweren Bestrafung eben der Kinder führen könne. Dabei greift Mme. Maggi eines der Kinder unnachsichtig am Handgelenk, zwingt es zu sich, und befiehlt dem Kind, dem Paar noch einmal zu erklären, dass es sich hier ganz und gar nicht um ein Spiel handle, im Gegenteil. Pflichtgemäß, und eindringlich, erklärt das Kind dem Paar, dass, wenn sie sich weiter unhöflich zeigen würden, ein Kind, weil die Kinder nun einmal für das Verhalten ihrer Gäste zur Verantwortung gezogen würden, sehr ernsthaft bestraft würde, deswegen solle das Paar doch bitte endlich verstehen, dass es sich wirklich nicht um ein Spiel handle, es könne im schlimmsten Falle durchaus sehr Ernst werden, für die Kinder, für dieses Kind, das hier um Verständnis bittet, um ganz genau zu sein.

... was glaubst du was er macht rein in die Szene oder haut er ab? Das Gesicht arbeitet der packts nicht nicht mit der verklemmten Frau da im Gepäck aber er rennt nicht gleich weg ist schon mal was ...

Mme. Orlandi gibt dem jungen, unerfahrenen Gast, derweil das Kind fest im Griff von Mme. Maggi, eine letzte Gelegenheit, seine letzte Chance, sollte der junge Mann jetzt endlich bereit sein, ihr das gewünschte Geschenk zu machen, ihr seinen frischen, hellen Samen zu bringen, so würde sie noch einmal, weil heute doch eigentlich ihr Geburtstag sei, Gnade vor Recht ergehen lassen. Der junge Mann, den eine erste, echte Ahnung von der drohenden Gefahr erreicht, fragt vorsichtig, wie das denn hier, an diesem Ort gehen solle, er sähe keine Möglichkeit, so sehr er nun vielleicht doch gewillt sei, Mme. Orlandi diesen Wunsch zu erfüllen. Ob er die schmale Tür dort sehen würde, dahinter verberge sich die Toilette von Mme. Maggi, klein, aber mit allem notwendigen ausgestattet, wohl fände er dort auch das eine oder andere anregende Magazin, bestimmt wäre auch etwas für seinen Geschmack dabei, in dieser kleinen Toilette wäre, hinter verschlossener Tür, doch ein ausreichend privater Ort, um Hand an sich zu legen, also zu onanieren. Aber gerne könne ihn auch seine Partnerin begleiten, wenn er ihre Hilfe in Anspruch nehmen wolle, dies wäre vielleicht sogar die bessere Lösung, oder nicht? Das Lächeln zeigt sich verkrampft zurück im Gesicht des jungen Mannes, Befremdung und erste Bestürzung bei seiner Begleitung. Mme. Maggi verstärkt den Griff um das Handgelenk des Kindes, und zerrt es an den Haaren zu sich. Ein Schmerzensschrei. Ob nach dem Bischof gerufen werden solle, damit er das Kind gebührend züchtige, stellvertretend für das ungebührliche Verhalten dieses Paares, welches offenbar, trotz allem, noch immer nicht verstanden habe, worum es hier zum letzten und nun wirklich allerletzten mal ginge. Oder ob nach dem Bischof gerufen werden solle?

... der zittert fast. Voll durchn Wind keine Idee was er machen soll. Willkommen in der Wirklichkeit mein Freund und jetzt? Klar genau darauf hab ich gewartet wie auf Knopfdruck langweilige Scheißkuh ...

Es reiche nun, aber wirklich, so interveniert die Freundin des jungen Mannes, es sei genug, das Kind möge in Ruhe gelassen werden, man tue ihr doch weh, und damit würden doch Grenzen überschritten, die es auch hier, in dieser Aufführung zu beachten gelte, und eine Aufführung sei dies doch oder etwa nicht, und ihr Freund, der möge doch jetzt bitte sofort aufstehen, damit sie gemeinsam diesen Ort verlassen könnten. Es wäre genug, sie ginge jetzt. Der junge Mann, sichtlich von seinem inneren Ringen um das Wohl des Kindes erlöst, nutzt die Gelegenheit und folgt der Freundin, erleichtert, auf dem Fuße, noch während Mme. Maggi das Kind zu Boden wirft und mit Füßen tritt. Wie es das Kind zulassen könne, das sich diese Gäste, für welche das Kind doch die Verantwortung trage, hier so aufführen könnten, gegen jede Regel der Gastfreundschaft. Das junge Paar kümmert sich nicht mehr um das Leid des Kindes, geht hinaus zur Tür und eilt, ohne einen Blick zurück, den Gang entlang, wo sie, als ein letztes Lebewohl, die erbosten Rufe nach dem Bischof vernehmen, im Einklang mit dem wimmernden Flehen des Kindes, das Paar möge doch bitte, bitte zurück kommen. Der junge Mann und die junge Frau drehen sich auch dann nicht mehr um, als ihnen auf dem Treppenabsatz ein Geistlicher begegnet, in der einen Hand einen halb gefüllten Krug Wein, in der anderen einen schweren und breiten, ledernen Gürtel.

... bescheuert und jetzt? Soll der weiter auf sie einprügeln oder was irgendjemand muss doch was machen sonst hört der gar nicht mehr auf. Und Du bist der Retter in der Not oder was narzisstischer Scheiß Mann klasse draußen warten alle du weißt was passiert wenn du nichts lieferst der schlägt sie windelweich und du bist voll am Arsch. Ich kann mir doch hier keinen runterholen Kacke die wollen irgendwas anderes wahrscheinlich ist hier drin irgendwas das aussieht wie Sperma und hör endlich auf in den Spiegel zu schauen hilf mir suchen Mann. Scheiße hier ist nichts du bist am Arsch wenn Du ohne was wieder rauskommen prügelt der besoffene Wichser weiter auf sie ein wenn du die verarschst dann explodiert der erst richtig. Scheiße da komm ich nicht mehr raus was mach ich jetzt. Wo ist eigentlich das Problem Mann machs doch einfach Großmaul. Superwitzig tolle Idee. Wo ist das Problem hast du doch früher oft genug gemacht hehe. Weißt du wie lange das her ist weiß gar nicht mehr wie das geht Scheiße ist das peinlich. Was ist das Problem im Ernst was solls bisschen rumgespielt klebriges Zeug ins Glas das wars alles andere ist verlogene Scheißmoral deine Worte oder nicht. Komm mir so ich weiß gar nicht mehr wie das geht. Hör auf zu jammern Mr. Scheissmöchtegernproteus ist wie schwimmen verlernst du nie also was jetzt Hosen runter. OK ist verstanden soll ich wirklich. Los jetzt ...



Erstellt: 6. April 2010 letzte Überarbeitung: 8. April 2010
Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung.
Alle Rechte vorbehalten.
Bitte senden Sie Ihre Kommentare zu diesem Text per E-Mail
an unseren Sachbearbeiter Dr. Artus P. Feldmann.