BOAG - Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung
«Fern von Dir, nah bei Dir: Ein Besuch»
von Henriette Orheim
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Meine Mutter ist alt und einsam, nein, «allein» sagt sie, nicht «einsam». Aber stimmt das? Während meines Besuches in der «Seniorenresidenz» sehe ich Hunderte von Menschen, die um sie herum sind, viele «begegnen» ihr, sprechen mit ihr, begrüßen sie, andere kreisen um sie, laden sie ein, wollen etwas mit ihr «unternehmen». Ist sie «allein»? Regelmäßig telefonieren ihre vier Kinder mit ihr, besuchen sie oder holen sie für einige Tage zu sich. Schon Tage bevor ich sie diesmal besuche, ist sie voller Freude. Worüber? Ist sie voller Hoffnung. Worauf?

Glückliche Ankunft: «Wie war die Fahrt?» Meine Antwort verrauscht ungehört im «Was möchtest Du essen?» «Nimm doch noch was hiervon!» «Oder möchtest Du vielleicht lieber etwas anderes?» Essen, immer essen und doch nicht satt werden, Überfülle und Leere. «Wie geht es Deinem Freund?» Meine Antwort muß gängig und kurz sein, sonst kommt sie nicht an. Hat sie zugehört? Meine Mutter springt auf und widmet sich ausführlich dem Telefon, sie erzählt allen erreichbaren Verwandten, daß ihre Tochter da ist, daß eine ihrer Töchter da ist, daß diese eine Tochter sie besucht, also ich. Sie wirkt glücklich. «Die Tochter, eine meiner Töchter ist da!», erzählt sie immer wieder. Ich muß weiter essen. Dann bleibt sie glücklich. Sie bricht plötzlich das Telefonieren ab, kommt zu mir und sagt: «Ach ja, man wird alt!» Ich frage sie: «Fühlst du Dich jetzt alt?» «Ja, da ist ja nichts mehr» «Bist Du traurig?» «Na, alt werden wir ja alle!» Der zaghafte Versuch eines Gespräches, eines Miteinanders, eines sich Verwebens, einer Achtsamkeit, eines Sich-aufeinander-Beziehens scheitert, ist schon zu Ende. Das «Gespräch» erstickt im Allgemeinen. Das Leid meiner Mutter ist offensichtlich nicht teilbar, nicht einmal mit-teilbar.

Ein neuer Versuch, zueinander zu finden. Meine Mutter sieht sehr schlecht, so sagt sie: «Vielleicht könntest Du mir ein paar Knöpfe annähen?» Und wieder ein Abschied vom Erhofften, die fürsorglich übernommene Aufgabe mündet in einem schweigenden Getrenntsein. Plötzlich bereut meine Mutter ihre Bitte und bietet wieder und weiter Eßwaren aller Art an. «Kind, nimm doch noch was!» Dann wieder ein Moment des Stolzes, ein angedeutetes, verhuschtes Lächeln, wenn sie der Nachbarin, die eben vom Garten her grüßt, erzählen kann, daß ihre Tochter ihr die Knöpfe annäht. Nähe? Nähte. Fürsorge als Ersatz für Nähe. Warum ist das heute so schwer? Es war immer so schwer. Ich bin ratlos, mutlos.

Die Zeit (ganze 24 Stunden) ist schnell vorbei, der nächste Abschied drängt schon wieder: «Ach, Kind, die Zeit war ja viel zu kurz!» Der Kreis schließt sich zum Anfang. Es stand immer etwas dazwischen, zwischen uns beiden, zwischen meiner Mutter und mir. Es gab keine, es ergab sich keine Nähe. Aber was wäre, wenn ich zwei Wochen, drei Wochen bei ihr wäre? Was würde sich ändern? Würde sich etwas ändern? Die Arbeit, die Zeit, immer muß das Äußere herhalten zur Erklärung der fehlenden Brücke zwischen Mutter und Tochter. Und was bleibt, ist die unerfüllbare Sehnsucht nach Erfülltsein, ist der Traum von Nähe, Gegenwart, Geneigtheit und Leben, von Gegenwärtigkeit und Beieinandersein, vom Ahnen und Erspüren des Anderen.

«Liebe Mutter, im Moment habe ich noch so viel zu tun, aber beim nächsten Mal bleibe ich bestimmt länger. Und wenn ich dann alles gegessen habe, was Du mir anbietest, wenn alle Wäsche gewaschen und alle Knöpfe angenäht sind, dann haben wir noch viel Zeit, uns nah zu sein und uns verbunden zu fühlen. Dann werde ich Deinen Kummer mitfühlen und Du den meinen beim nächsten Mal. Adieu.»



Erstellt: 21. Februar 2001 letzte Überarbeitung: 21. Februar 2001
Bochumer Arbeitsgruppe für Sozialen Konstruktivismus und Wirklichkeitsprüfung.
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